Muss nur noch kurz die Welt vom Sofa aus retten

Frau Life Sciences bescheidene kleine Twitter-Blase, die sie im Gegensatz zu diesem Blog nicht aktiv bespielt, zeigt neuerdings Symptome einer Infektionskrankheit: Masern.

Viele Twitter-Nutzer, denen sie selbst folgt oder die von letzteren retweeted (von anderen aufgegriffen) werden, haben in ihrem Nutzerprofil plötzlich rote Punkte. So sieht das dann beispielsweise aus:

🔴🔴🔴Frau Life Science🔴🔴🔴.

Was bedeutet das und ist das ansteckend?

Die Erklärung ist die: Diese Nutzer halten die Corona-Maßnahmen der Regierung für zu lasch und zu spät, fordern (schon lange) einen „harten Lockdown jetzt“ und schreiben sich „Leben retten“ auf die Hashtag-Fahnen.

Jetzt ist natürlich die Frage, inwieweit effektiv Leben gerettet werden, wenn solche Punkte leuchten. Sicher ist jedoch, dass man damit allen zeigen kann, dass man aus der „richtigen“ Seite steht. Leben retten ist ja auch definitiv besser als Leute sterben lassen. Oder was finden Sie?

Leben retten jetzt! Was man nicht alles vom Sofa aus bewerkstelligen kann! Ein Twitter-Nutzer mit roten Punkten hatte da eine noch genialere Idee: Er legte zusätzlich zu seinem Twitter-Konto ein Telegram-Account an (das ist die Plattform, wo sich Querdenker gerne treffen) und schleuste sich anonym in eine Gruppe ein, die zum Austausch von Mitfahrgelegenheiten zu Anti-Corona-Demos diente.

Dort bot er Mitfahrgelegenheiten mit konkreter Abholzeit und -Ort an und lies die Querdenker am Treffpunkt versauern, während er sich selbst auf Twitter für seinen Erfolg feiern lies. Er stellte eine Deutschlandkarte online, auf der mit tränenden Smileys die Orte markiert waren, wo Querdenker bestellt und nicht abgeholt herumstanden.

Das Posting verursachte unter den Twitter-Nutzern mit den Masern eine Welle der Begeisterung und standing ovations, Pardon, im Sitzen gepostete Anerkennung.

„Geil, da wäre ich nie drauf gekommen!!!“

Tja, die meisten Menschen kommen nicht auf eine solche Idee. Weil ein Mensch im anderen meist immer noch einen Menschen sieht.

Viele wollten dann bei der Aktion mitmachen, denn das ist ja noch viel spaßiger als nur Masern zur Schau stellen und vor allem, es bringt so viel! Die nicht Abgeholten fahren dann ja nicht nach Berlin und dann können sie niemandem anstecken. Außerdem merken sie dann, dass man Informationen kritisch hinterfragen soll und nicht jedem Trottel glauben kann. Es soll ihnen eine Lehre sein! Man ist schließlich auf der richtigen Seite und der epidemiologische Zweck heilt die unsozialen Mittel.

Wie findet man denn die Gruppe? Wo kann man mitmachen? Wie viele habt ihr denn schon reingelegt? Danke, ihr habt mir den Tag gerettet.

Was muss das für ein Tag gewesen sein.

Frau Life Science ist der Meinung, man hätte die Querdenker nicht stehen lassen sollen, sondern sie abholen, und zwar da, wo sie stehen. Das ist ja sonst wie wenn man einen Alkoholiker vor den Späti bestellt und dann sagt „Ätsch Bätsch, der Laden ist zu“.

Dass so eine Idee noch von Jan Böhmermann mit einen Retweet geadelt wird, macht die Sache nicht besser.

Die Corona-Krise ist eine Krise der Solidarität. Und wer unsolidarisch ist, egal mit wem, hat zu ihrer Verschlimmerung beigetragen.

Solidarisch im Sinne von: Du, der du irrst, könntest auch mein Bruder sein, du Auch-Mensch. Seinen Bruder schickt man nicht an eine Bushaltestelle und holt ihn nicht ab und man applaudiert nicht für den, der es tut.

Jede gute Erzieherin und jeder gute Lehrer würde so einen Joshua aus der Gruppe ziehen und sagen „Hey, das war nicht ok, was du mit dem Leon gemacht hast.“

Solidarisch bleiben. Oder mit-menschlich. Der Gesunde ohne Risiko mit dem, der ohne Corona schon krank ist. Der Gelassene mit dem Panischen, der Krisengesschädigte mit dem im Windschatten. Der aufgeklärte Faktenfuchs mit dem Coronaleugner, der sich ein Spitzentanga übers Gesicht gezogen hat. Solidarisch, mit-menschlich, so weit es irgend geht, auch, wenn es weh tut und Mühe macht.

Und zum Zeichen, dass wir uns alle Mühe geben müssen, um diese Krise zu bewältigen (nicht die anderen, sondern wir), und dass man auf der definitiv richtigen Seite ist, wenn man es tut, endet dieser Beitrag mit blauen Punkten. Es sind Wunschpunkte, die kennen Sie vom Sams, denn Frau Life Science wünscht sich, dass wir’s schaffen. 🔵🔵🔵

9 Gedanken zu “Muss nur noch kurz die Welt vom Sofa aus retten

  1. Liebe Frau Narrenfreiheit,
    Sie sprechen mir aus der Seele!
    Diese kleingeistige und engbrüstige Haltung desjenigen, der sich auf der einzig richtigen Seite wähnt, und damit Hauen, Treten und Stechen legitimiert , ist zum Weinen.
    Ich habe schon viele kluge Sätze aus ihrem Blog innerlich mit Goldrahmen versehen und aufgehängt, dieser Beitrag aber wird zur inneren Wandtapete- Danke dafür!
    Jedes Fitzelchen Freude und Glauben an die Menschheit ist zur Zeit herzlich willkommen!
    LG. Cordula

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