Auswegsangebot

Frau Life Science war heute „dran“. Seit März hat sie den Termin dick im Kalender stehen, wo seit Monaten nur noch Kardiologe, Humangenetikerin, Schwester Lucia oder Hebamme stand, und ganz oft einfach nix.

Sie machte sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten schick und ließ sich vom Lifescientisten an die Messe fahren. Die schlafende Bereicherung namens Herzmädchen war auch dabei. Der Forschernachwuchs war mit einem Cabrio abgeholt und zu einer Mehrfach-Röhrenrutsche gefahren worden, auch nicht schlecht. Aber Impfen ist besser.

Nach Händedesinfektion und Fiebermessen wurde Frau Life Science von Warnwesten-Mensch zu Warnwesten-Mensch weitergereicht wie ein Sandsack bei Hochwasser und landete alsbald an einem Schalter, wo die schriftlichen Formalitäten erledigt werden sollten. Wie praktisch, dass der Mitarbeiter – seines Zeichens Punk oder so – bereits in jedes seiner Ohrläppchen zwei echte Büroklammern eingefädelt hatte.

Der Doktor in der Impfkabine machte zuzüglich zum Impf- auch mehrere Smalltalk-Angebote, die alle nicht recht zünden wollten: Weder typische Grundschullehrerinnen-Themen passten zu Frau Life Science, der Quereinsteigerin in Elternzeit, noch die Tatsache, dass sie wegen ihres Akzents zweifelsohne als Schwäbin „erkannt“ wurde. Gerne gab sie sich für fünf Minuten Impfen als Schwäbin und Vollblutgrundschullehrerin aus, wenn es dem reibungslosen Ablauf diente, allerdings konnte sie dann auch keine Themenbeiträge zu Inlandsflügen nach Stuttgart oder dergleichen leisten.

Unübersehbar, dass sich alle bemühten, eine angenehme Stimmung zu verbreiten. Der Impfling soll sich gut fühlen und ja nichts Schlechtes erzählen, wenn er wieder rauskommt. Sich nicht vor lauter Stress noch Nebenwirkungen zusätzlich einbilden.

Frau Life Science war froh, dass der Doktor das mit dem Stillen nicht ansprach. Auf dem Anamnese-Bogen hatte sie „ja“ angekreuzt. Ein wenig Angst hatte sie nun, man könne ihr deshalb den Schuss Comirnaty abspenstig machen wollen. Wer konnte wissen, auf welchem individuellen Erkenntnisstand der Arzt im Wissenschaos Pandemie gerade möglicherweise stecken geblieben war? Ihre Meinung stand fest, sie brauchte keine Beratung mehr, sondern nur noch den Stoff. Sie bekam ihn.

Keine zehn Minuten nach ihrem Eintritt in die Messehalle fand sie sich schon im Wartebereich wieder, wo sie unter Aufsicht eine eventuelle Reaktion abwarten sollte.

Die Gelegenheit nutzte sie für eine spontane Mediation oder so etwas. Sie spürte nach, ob sie was spürte: Nein.

Gedanklich ging sie die letzten vierzehn Monate Unalltag noch einmal durch, die unterschiedlichen Phasen ihres Pandemie-Erlebens und die jeweiligen Lebensgefühle.
Sie empfand ihre ganz persönliche Dankbarkeit. Dass sie es irgendwie rumgebracht hatten, mit manch Schönem und Neuem, so manchem Reichtum und Geschenk in all der Monotonie und Tristesse dieser Krise.
Dankbarkeit ganz besonders dafür, dass sie nicht unmittelbar Zeugin oder gar Verursacherin einer Infektionskette geworden war. Nicht unendlich viele, aber so manche Chance hatte das Virus gehabt und wird es vielleicht auch noch haben.

Und sie sagte sie sich – so viel Pathos muss sein:

Danke, Wissenschaft. Danke dem nicht verdienten Glück hierzulande leben zu dürfen und nicht auf den Philippinen oder sonst irgendwo. Danke für die Möglichkeit. Hier und heute. Unter diesen bequemen Bedingungen.
Möge der verabreichte Stoff in ihrer Lymphbahn machen, was er soll. Dass er durch seine Wirkung das Herzmädchen und den Forschernachwuchs bestmöglich schütze und alle die Menschen mit, die Frau Life Science nahe sind. Alle Kinder, für welche man ihr die Verantwortung überträgt und alle Fremden, denen sie zur schicksalhaften Begegnung werden könnte. Möge Frau Life Science anderen Menschen stets An-regung sein und nie An-steckung, ihnen In-spiraton bringen statt einer In-fektion. Möge die Impfung ihr langfristig wieder Begegnungen mit freudiger Gelöstheit ermöglichen in der Familie, in Freundschaften, im Stadtviertel, im Beruf. Möge sie selbst nicht erkranken mit kurzen oder langen schweren Folgen. Möge diese Impfung einen Beitrag leisten zur gesellschaftlichen Bewältigung des Notstands. Mögen der Forschernachwuchs und seine Freunde wieder zum Puppentheater gehen können, bevor sie rausgewachsen sind.
Und möge ihr heute Abend der Arm nicht so weh tun.

Amen.

Die „Kanülen“ sind aufgerichtet vor der Messe Berlin. Und dazu ein Wolkenspiel wie auf Druckerzeugnissen der Zeugen Jehovas.

3 Gedanken zu “Auswegsangebot

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