Muss jeder selber wissen!

Frau Life Science entschuldigt sich, dass sie hier schon wieder vom Impfen anfängt.

Nichts da, ich entschuldige mich nicht. Hier schreibe ich und kann nicht anders. Gerade bei folgendem Satz, den ich wieder und wieder höre:

Muss jeder selber wissen, ob er sich schützen will.

Ja, reden wir denn von Balkonblumen? Muss jeder selber wissen, ob er zu Geranien oder Margeriten greift?

An dem Satz „Es muss jeder selber wissen, ob er sich schützen will“ stimmt aber vor allem ein Wort nicht:

sich.

Das „sich“ muss durch „andere“ ersetzt werden. Muss jeder selber wissen, ob er ANDERE schützen will.

Herzmädchen zum Beispiel.

Ich will jetzt nicht auf Mitleidstour machen, meine Sorgen gelten eher der Grunderkrankung des Herzmädchens, als einer ungünstigen Zuspitzung durch Covid. Ich kann das gut verdrängen. Aber gehört habe ich es schon, als ihr Arzt gesagt hat: Infektionen = nicht gut.

Und da finde ich es schon besorgniserregend, dass eine eingeschränkte Impfbereitschaft in meinem Umfeld sichtbar wird, gerade in sozialen Berufen, bei den Erzieherinnen und in der Pflege.

Diesen Kühnheit, im Kindergarten ohne Maske und Abstand zu arbeiten und dabei denken: Wird schon schiefgehen! Ich kann das einfach nicht fassen. Wenn’s Archivare wären, meinetwegen. Aber ErzieherInnen?? KrankenpflegerInnen?

Die Fronten sind verhärtet. Manch einer oder eine wollte sich wohl schon nicht gegen das Coronavirus impfen lassen, als es das noch gar nicht gab. Und bei mir ist es, glaube ich, umgekehrt.

Aber ich muss cool bleiben. Ich werde nicht mit Pfeil und Bogen vom Forschernachwuchs und mit vom Lifescientisten nachts heimlich gebrauten mRNA-Zeugs das Guerilla-Impfen von Erzieherinnen starten. Aber ich werde nicht meine Klappe halten. Sie kennen mich.

Und ja, es gibt möglicherweise Gründe, sich nicht gegen das unsägliche Virus impfen zu lassen. Angst zum Beispiel. Was soll man da sagen? Oder sonstige Gründe, die sozusagen „in der Person“ liegen.

Das muss man akzeptieren. Schwer fällt mir das, wenn der Grund ist – und das ist er meiner Erfahrung nach nicht gerade selten – dass ein Dr. med. auf YouTube pauschal davon abgeraten hat.

YouTube, der Desinformationskanal der Pandemie. Ist man dort erstmal auf dem Holzweg, wird einem im Anschluss gleich das nächste passende Video vorgeschlagen – als bequeme Verlängerung des Holzwegs. Das geschieht so lange, bis man glaubt, auf Holzwegen sei das beste Fortkommen. Und zwar mit viereckigen Rädern. Du hast gerade Dr. Wodarg angesehen? Dann solltest du Professor Bhakdi kennen lernen. Jetzt nur als Beispiel. Gibt ja genügend andere!

Das Schlimme ist: die Herren und Damen YouTube-Ärzte sagen oft nicht nur Falsches, sondern sie haben punktuell auch noch irgendwo recht, so ein bisschen halt. Impfkritische Videos liegen auch nie komplett daneben, sondern sie sind immer entweder fichtig – oder ralsch.

Gerne stützen sie sich auch auf veraltete Informationen. Schon aufgefallen? Nie greift ein YouTube-Doktor eine neue (entwarnende) Entwicklung zum jeweiligen Enthüllungsfall im nächsten Video noch einmal auf. YouTube-Doktoren-Wissen bleibt immer irgendwo stecken.

Sehr schlimm finde ich auch, dass inzwischen jede Heike und jeder Jürgen meint, er oder sie müsse die mRNA-Technik und das alles auf medizinischer Ebene vollständig nachvollziehen (nachdem er oder sie die Intensivbetten gezählt hat) .

Aber eigentlich wundert es mich auch mwieder nicht, seit Schuhverkäufer und Tankstellenbesitzer Hygienekonzepte erstellen müssen und dergleichen mehr. Die Zuständigkeiten in der Krise sind auf allen Gebieten völlig entgrenzt. Jeder macht alles irgendwie mit. Die Lehrerin führt Antigentests durch und der Vater unterrichtet Französisch und Physik am Küchentisch.

Da kann man schon mal durcheinander kommen und denken, der naturwissenschaftliche Laie müsse jetzt auch noch Forschungsaufsicht mitübernehmen.

Eine gewisse Frau Dr. Vanessa Schmidt-Krüger ist so nett und erklärt als aktive Wissenschaftlerin der allgemeinen Bevölkerung auf YouTube mal, welche beunruhigenden Unstimmigkeiten sie in der Zulassungsstudie Phase I von der Firma Biontech ausfindig machen konnte. Mittlerweile wurden die Studien planmäßig fortgesetzt und eine mehr als – Entschuldigung! – glanzvolle Impfkampagne gestartet, aber was soll‘s! Das kritische Video über die Phase I-Studie wird immer noch gerne geteilt.

Die Phase I Studie also, von Biontech. Das Zeug, was alle haben wollen, die kein YouTube gucken. Falsche Dosierung, zu viele Nebenwirkungen, kritisiert Frau Schmidt-Krüger. Und die Autoren hätten sowieso die Berichte zu den Nebenwirkungen im Anhang versteckt, damit sie niemand sieht. „Das geht so nicht, Leute!“, sagt Frau Dr. Schmidt-Krüger nicht nur einmal.

Und ich verstecke morgen einen Hundert-Euro-Schein in der U9! Findet bestimmt keiner.

Unter dem Video von Frau Dr. Schmidt-Krüger entladen sich in über 1000 Kommentaren Stürme der Begeisterung. Menschen bedanken sich für das Angagmant der Wissenschaftlerin. (Frau Life Science, das war gemein. Wer im Glashaus schreibt, sollte nicht mit Rotstiften werfen).

Die überschwänglichen Follower von Frau Dr. Schmidt-Krüger behaupten, dass sie das alles hier jetzt endlich verstanden hätten. Eine Stunde Video und schon hat man als Laie eine Zulassungsstudie in Gänze erfasst. Heidewitzka! Und ich jogge heute Abend noch schnell nach Potsdam, obwohl ich sonst nie Sport mache.

Ich frage mich, wie viele der Follower haben erkannt, dass es sich bei dieser einen Skala am Ende um eine logarithmische handelt? Ich bin da auch nicht gerade souverän, und selber gemerkt hab ich es schon zweimal nicht, aber ich glaube mich zu erinnern, dass das irgendwie wichtig war mit den Skalen, ob linear oder logarithmisch, in etwa so wichtig wie die Tatsache, ob man die Uhrzeit in Tokio oder in Berlin abliest. Aber wenn man das mit den Skalen nicht so wichtig nimmt, dann wundert mich die anschließende Gesamtbewertung auch nicht mehr.

Aber, hey!! Heike und Jürgen haben es verstanden. Verstanden, warum man Biontech und Co auf keinen Fall seinem Körper zuführen darf, sondern sich lieber auf die richtigen Coronaviren verlässt.

Muss jeder selber wissen mit seinen Balkonblumen.

Muss jeder selber wissen, ob er diese so anbringt, dass ihm nach dem erstbesten Sturm der Blumenkübel auf den Kopf fällt. Oder dem Nachbarn. Nachbar querschnittsgelähmt. Aber wie gesagt: Muss jeder selber wissen mit den Balkonblumen.

Hier noch ein paar Links zum Thema, mit Liebe gesammelt von Ihrer Frau Life Science:

Faktencheck Impfmythen

Die Impfungen wurden zu schnell erforscht…. Hätte man langsam forschen sollen? Also ich renne immer, wenn ich den Bus noch kriegen will! Und was n tolles Gefühl, wenn man es dann geschafft hat. Über fehlende Langzeitdaten

Weitere Faktenchecks gibt’s genug hier und hier und überall sonst

Impfung und Religion

Was sagen eigentlich die Kirchen?

Das Wort zum Sonntag und das Thema Impfungen

Impfverweigerung ist im christlichen Fundamentalismus zuhause

Auf dem Laufenden bleiben in der Pandemie

Nach über einem Jahr treuer Gefolgschaft kann ich sagen, der gute alte Kekulé-Podcast ist kritisch, verantwortungsvoll, unaufgeregt, alltagsnah, gut verständlich und liegt mit den Einschätzungen selten falsch. Da verpasse ich ungern eine Folge.

Sich erholen beim Postillion

Wie funktioniert eigentlich so eine Impfung? Total einfach erklärt…

Wie man Menschen zum Impfen bringt

Haben Sie schon einen Abschluss in YouTube -Virologie?

Impfskepsis in den USA

Amerikanischer Komiker, sehr schnellsprechend findet fehlende Impfbereitschaft nicht so witzig

6 Gedanken zu “Muss jeder selber wissen!

  1. Ja, es ist eben keine individuelle Sache (außer bei Einsiedlern). Bei Tetanus mag jeder selbst entscheiden, aber bei Infektionskrankheiten geht es um alle. Wir leben in Gemeinschaften und haben Verantwortung füreinander.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, liebe/r 123, das weiß ich. Nach meinem aktuellen Wissensstand aus unser aller Zwangsfortbildung, die sich Pandemie nennt, ändert das Können aber nichts an der generellen Vorteilhaftigkeit einer hohen Impfquote, oder? Eine solche wünsche und erhoffe ich mir jedenfalls als Mutter, Lehrerin und sonstiger Mensch, damit in Verbindung mit anderen möglichst milden Maßnahmen ein gutes und sicheres Leben für Gesunde und Vorerkrankte möglich ist. In meinem zugegeben provokanten Text steckt die verwegene Hoffnung, den ein oder anderen hinterm Ofen vorzulocken…

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