In einer Schulklasse sind nicht alle gleich und manche Kinder brauchen besondere Zuwendung. Manche oder vielleicht viele. Oft genug hat man schwarz auf weiß Dokumente und Befunde, man liest und versteht, und man bespricht sich und legt Maßnahmen fest:
Dieses oder jenes Kind würde davon profitieren, dass… wir vereinbaren jetzt Folgendes und ab sofort machen wir…
Jetzt kommen die Stempel und Sanduhren, die Heftchen mit Stickern und Strichlisten, die Kopfhörer, die Wackelstühle und was man eben sonst so hat – Primborium. Es ist nicht die eigene freie Wahl oder ein übermäßiges Hilfsbedürfnis, sondern oft genug verordnete Dienstpflicht, besondere Dinge für und mit besonderen Kindern zu tun (Nachteilsausgleich).
Amazon hat das nötige Zubehör vorrätig, Sonnenschein-Heft für 5 Tage a 7 Stunden oder lieber 9? Im Zehnerpack.
Frau Life Science findet das ja sogar gut! Sie ist auch Mutter und weiß, wie speziell Kinder sein können und wie Spezialität Liebenswürdigkeit meist zusammenfallen. Sie wünscht sich auch unbedingt dieses Verständnis für ihre leiblichen Kinder, wenn oder falls sie es brauchen. Denn da beginnt Pädagogik in der Schule, sonst wäre sie nur eine Lernfabrik.
Allein man gebe Frau Life Science die Ressourcen. Man teile ihr das Personal zu.
Doch in der Regel ist sie allein mit der Klasse. Doppelsteckungen werden durch den Krankenstand gefressen oder sind sowieso nur gelegentlich vorgesehen.
Wenn Frau Life Science aber allein ihre 5. Klasse betritt, kommen erstmal Kinder zu ihr, am sie heran, um sie herum. Und dann Probleme, Fragen, Dilemmata und Skandale aller Art:
„D. hat einen (Milch)Zahn verloren, sie weint.“ (Fünftklässler verlieren dauernd Zähne in Deutsch oder Reli)
„Wir drei wurden beim Mittagessen rausgeschmissen (obwohl wir immer lieb sind), jetzt haben wir Hunger und können nicht mehr essen, bevor die Mensa zumacht”. (Beim Thema Kinder und Essen wird Frau Life Science immer schwach)
“F. hat ganz doll Kopfweh.” (Er wirkt fiebrig).
„Mein Wichtelgeschenk kommt nicht rechtzeitig an“.
„Ich finde meinen Sportbeutel nicht“.
„Wann schreiben wir die Arbeit??“
Also irgendwie schlägt sie sich durch und es gelingt ihr zu irgendeiner Form von Unterricht vorzudringen, und sie schafft es gerade so, sobald das Geburtstagslied und die Durchsage und einer klopft noch… ein wenig Unterricht, aber mehr klappt dann auch nicht mehr. Nach dem Unterricht erneut: eine kleine Menschentraube.
Das nicht gehaltene Stempelversprechen, die nicht gewendete Sanduhr und das nicht abgezeichnete Hausaufgabenheft, die nicht festgelegte Wochenaufgabe im Amazon-Sonnenscheinheft ist dann eben eine Tatsache und die fällt negativ auf Frau Life Science zurück; lässt sie alt aussehen. Es wäre ihre Pflicht gewesen. Und morgen schafft sie es auch nicht.
Aber an ihrem Schrank im Teamzimmer hängt der Spruch:
“Wir wuppen täglich mehr als wir verkacken“.
Das muss man sich auch immer wieder sagen.
Liebe Frau Life Science,
du hast ja so Recht!
Genau so sieht der Schulalltag aus! Und mir macht es keinen Spaß mehr, den Mangel zu verwalten. Es ist einigermaßen frustrierend, wenn sich wuppen und verkacken allerhöchstens die Waage halten. Und das nicht, weil wir zu doof oder faul sind…
Mich wundert der Lehrermangel nicht mehr – ich würde Gärtnerin werden, wenn ich heute nochmal die Wahl hätte.
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Danke, Frau Life Science für diesen Einblick, Ich schimpfe ja auch ganz gern auf unserem Bildungssystem herum, aber damit sind ganz klar nicht ihr Lehrer gemeint, sondern der Missstand, dass ihr neben der reinen Wissensvermittlung 1000 andere Aufgaben übernehmt, die sonst keiner tut und bezahlen will. „Weiter so“ will ich nicht sagen, aber „Danke“.
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