Gewonnen: Eingewöhnung

Frau Life Science hat eine Eingewöhnung gewonnen. Die findet in den Sommerferien statt, denn Frau Lehrerin hat ja Zeit. Ihre in 11 völlig verrückten Schulmonaten angestauten Reha-Bedürfnisse kann sie zurückstellen.

Nach der Mail aus der Kita hat sich Familie Life Science nämlich eine neue Betreuungseinrichtung gesucht und gefunden. Das bringt zwangsläufig diese Eingegähnung oder wie das heißt mit sich. Bleiben Sie bitte passiv. Warum auch immer.

Eingewöhnung ist, wenn überwiegend weibliche Personen einem strikten Zeit- und Verhaltensplan bezüglich der Gewöhnung des Kindes an die Tagesbetreuung unterworfen werden, der nur an einer Stelle offen ist: wie lange die Frau genau ihr persönliches Leben abhaken soll. Zwei Wochen? Oder vier? Wer will das überhaupt wissen? Bei einer Frau?

Jajaja, natürlich gibt man kein Einjähriges in der Kita an und rennt davon als wäre es ne Babyklappe. Aber bei einer Dreijährige, die Kita kennt, da ist doch etwas anderes. Überhaupt ist es bei jedem etwas anderes. Und es ist auch kulturell völlig unterschiedlich. In USA damals: Drop and Go. So anders die Menschen auch sind, Eingewöhnung ist für alle Pflicht. Man versteht schnell: besser keine Fragen stellen. Sonst schlechte Mutter.

Es werden gesellschaftlich keinerlei Ressourcen bereitgestellt, um bei so einer Eingewöhnung mitspielen zu können. Eigentlich sollte es so sein wie kinderkrank. Dann wäre es ok. Die Elternzeit jedenfalls ist im 4. Lebensjahr längst aufgebraucht.

Hierzulande ist für alle Einzugewöhnenden das „Berliner Modell“ angesagt. Der Name mag für viele Menschen irgendwie etwas hermachen, nach 5 Jahren Reingeschmecktsein in die namensgebende Stadt und in ihre Institutionen weckt der Titel fast schon Besorgnis.

Eingewöhnung ist die Heilige Kuh der Elementar- und Krippenpädagogik. Das Herzmädchen hat sich im Jahr 2022 eingewöhnt an eine Bezugserzieherin, die anschließend halbjährlich wechselte, und zwar ganz ohne Ausgewöhnung. Dazu kam alle paar Wochen irgendeine Quereinstiegsperson aus der Leiharbeitsfirma. Da musste man sich nicht groß eingewöhnen, weil die meist wieder gingen, gehen mussten, um das Kriterium Zeitarbeit zu erfüllen.

Überhaupt wurde das gesamte Team des Hauses fast jährlich runderneuert und trotz formal völlig korrekter Eingewöhnung sagte das Herzmädchen samstagmorgens im Bettchen ganz strahlend:

„Ist heute etwa keine Kita??? Dann muss ich ja gar nicht traurig sein.“

Kann es vielleicht sein, dass die Phase Eingewöhnung die geringste Schwierigkeit in der Krippen- und Elementarpädagogik des 21. Jahrhunderts darstellt? Und dass sämtliche Bemühungen von sich aufopfernden Müttern innerhalb kürzester Zeit zunichte gemacht werden, da es nach oder während der Eingewöhnung an ganz anderen Sachen hapert?

Aber klar, Eingewöhnung kostet nichts. Es macht ja (meist) die Frau. Und weil sie ihr Kind liebt, macht sie das doch gerne. Oder etwa nicht?

Ein Gedanke zu “Gewonnen: Eingewöhnung

  1. Ich stelle mir vor, wie das „Berliner Modell“ zu einer der Qual-Arten der Hölle wird. Der Teufel muss schließlich sparen, also müssen die Heiz- und Fegefeuerkosten runter. Das Berliner Modell bietet sich da ganz ressourcenschonend an. Außerdem löst es die Betreuungsprobleme der höllischen Mitarbeiter. Jeder, der den Vorraum zur Hölle betritt, bekommt einen kleinen Teufel in den Arm gedrückt und soll mit diesem zur Eingewöhnung nach Berliner Modell. Das Teufelchen läuft vom ersten Tag an prima? Super, die zu Quälende hat still und starr auf dem Stuhl zu sitzen, darf nicht mit anderem Teufelsnachwuchs sprechen, darf nichts lesen und bestimmt nicht einen Blogbeitrag auf dem Handy schreiben. Dann setzt man die zu quälende auf einen Drehstuhl, aber sie darf sich nicht aus Langeweile hin und her drehen.
    Mit jeder Handlung, die dieser Weisung zuwider läuft, startet die Eingewöhnung nach Berliner Modell neu. Sisyphos lässt grüßen.

    Das Berliner Modell war wirklich übel, aber die Kleine war tatsächlich erst ein Jahr alt. Unsere Kita hat in den Ü3-Gruppen keine Hardcore-Berliner Modell-Eingewöhnung sondern nur eine Bedarfseingewöhnung gemacht.

    Und als es mal eine Familie mit familiärem Krankheitsnotfall auf Leben und Tod gab, hat man ganz darauf verzichtet und dem Elternteil das Kind auch quasi weinend vom Arm genommen. Anderes war dort in diesem Moment einfach nicht möglich. Die einzige andere Variante wäre gewesen, das Kind in den berühmten Schornstein zu hängen. Allerdings war in diesem Fall die Mutter die Erkrankte. Wäre es andersherum genauso verständnisvoll gewesen, wenn der Vater erkrankt gewesen wäre und die Mutter nicht weiter gewusst hätte? Ich wage keine günstige Prognose…

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