Gleit- und Zweit- geht zu weit

Frau Life Science ist unversehens alt geworden, es ging ganz schnell und sie hat ehrlich nichts gemacht, es kam einfach.

Sie ist jetzt nicht mehr überall die Jüngste. Die Unerfahrenere vielleicht schon, wegen biographisch bedingtem ständigem Branchen- und Kulturwechsel. Aber eben nicht die Jüngste – im Vergleich.

Und dann merkt sie es ja auch körperlich. Die Materialermüdung, Stichwort Augen.

Letzten Herbst war eine neue Brille fällig. Der Freibad-Sommer und sein Chlorwasser hatte ihre bisherige zugrundegerichtet. Nur noch trübe Sicht durch angegriffene Gläser.

Sie nähte dem Forschernachwuchs das bronzene Schwimmabzeichen auf die Badehose und suchte sich selbst ihre erste Gleitsichtbrille aus.

Nach 14 Tagen holte sie das neue Nasenfahrrad ab. Weil sie so froh war, überhaupt wieder etwas zu erkennen, trat die Gleitsichtfrage völlig in den Hintergrund. Gewöhnungsprobleme hatte sie jedenfalls keine. Aber am Bildschirm musste sie immer noch die Brille in die Haare hochschieben, wo sie sich grundsätzlich verfing.

War die Brille eigentlich so richtig? Hatte der Hersteller die Gleitsicht überhaupt eingebaut? Heutzutage weiß man ja nicht…

Die großzügige Frist zu Umtausch oder Anpassung war längst verstrichen. Einfach keine Zeit gehabt. Darum getan, was alle gerne tun mit echten Problemen: rausschieben.

Bis die Schulhelferin sich erkundigte, warum Frau Life Science eigentlich so komisch am Computer hinge. Die Frage war berechtigt. Und die Kollegin stand selbst vor der Frage Gleitsichtbrille.

Da wagte Frau Life Science wenige Tage später doch den Weg zum Brillengesschäft.

„Ist das überhaupt eine Gleitsichtbrille, wenn man am Computer nüscht sieht?“

Tests wurden durchgeführt. Es war eine Gleitsichtbrille.

Eine weitere hinzugerufene Fachkraft, erklärte, was in bisherigen Beratungsgesprächen gar keine Erwähnung fand:

Frau Life Science benötigte eine Bildschirmbrille. Mit einer Gleitsichtbrille ist es nämlich nicht getan. Zwar kann man mit der Waschmaschine auch trocknen und mit einem Handy ein Fax schicken, aber mit einer Gleitsichtbrille nicht in einen Bildschirm gucken.

Alles klar! Schade!

Sehr schade! Weil Frau Life Science das nämlich nicht schafft: Zwei Brillen verwalten. Mit Etuis etwa? Und wo kommen wir da hin? Wann endet die Bildschirmzeit und wann beginnt sie? Innerhalb einer Schulstunde? Auf und ab, auf und ab. Das kann ja heiter werden.

Ach darum die Rundmail des Arbeitgebers im Jahr 2024 wegen Bildschirmbrillen, augenärztlichen Untersuchungen und gegebenenfalls Zuschüssen. Frau Life Science war in der Zielgruppe gewesen, ohne es zu wissen.

Wie viele Emails, die man wegklickt, sind eigentlich noch so dermaßen alltagsrelevant?

Jetzt also Handy, Schlüssel UND eine zweite Brille. Besten Dank.

Gibt es Bildschirmbrillen auch mit Peilsender und mit Versicherung?

2 Gedanken zu “Gleit- und Zweit- geht zu weit

  1. Kleiner Tipp von einer fortgeschritten Alten: „Bildschirmbrille“ vom
    Optiker brauchst du nicht, es sei denn, du bist ein komplizierter Fall.
    Für meine sehr ausgedehnten Bildschirmsitzungen passt eine billige
    Drogeriebrille mit der richtigen Dioptrinzahl sogar besser. Was das
    Problem mit der Zweitbrille natürlich nicht wirklich löst. 🙁

    Sylvia Schmieder
    Autorin, Dozentin, Lektorin

    https://sylvia-schmieder.de

    Veranstaltungen


    Das Tagesgedicht auf YouTube:https://www.youtube.com/@dastagesgedicht-qb2dt

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