Der Forschernachwuchs spielt gerne Karten. Besonders begeistern ihn Trumpfkarten, seien sie mit Fußballern, Fahrzeugen oder mit Meerestieren. Letzteres ist zurzeit sein Lieblings-Trumpfkartenspiel.
Wenn der gemeine Seestern den gefleckten Adlerrochen aussticht in nur einer einzigen Disziplin, dem Höchstalter, dann leuchten die Augen des Neunjährigen. Und wenn er sich dann wieder durch geschickte Auswahl vorher auswendig gelernter Bestwerte den Blauwal und das Walross unter den Nagel gerissen hat, gibt’s kein Halten mehr.
Die ganze letzte Woche spielte er mit den Meerestieren, aber das abgegriffene Kartenbündel war mager, kein Wunder, denn nach ein paar Tagen entdeckte er in der Schublade den längst verschollen geglaubten Rest des Spieles.
Seit der Kabeljau, der Riesenkalmar, der Weiße Hai und seine Freunde nun wieder mit von der Partie sind, ergibt sich eine völlig andere Spieldynamik, die ihn auch wieder ganz neu erfreut und fesselt. Die Würfelqualle kann es auf einmal mit dem Blauhai aufnehmen, der mit seinem Gefährlichkeitsfaktor 5 nun nicht mehr so einsam heraussticht.
Wenn die Scholle dann zum achten Mal die Seiten gewechselt hat, ist es Zeit für ein anderes Kartenspiel, es heißt „The Mind”. Das hat er fürs Katze füttern geschenkt bekommen.
Da heisst es jetzt nicht mehr „mein Walross“, „meine Würfelqualle“ und „mein wachsender Kartenstapel“, sondern „unsere nächste Herausforderung“. Es ist nämlich ein kooperatives Spiel, man versucht gemeinsam ein Level nach dem anderen zu schaffen.
Dabei kann man bei guter Führung gewisse Vergünstigungen erspielen und Nachschub für seine drei Leben, oder alles auch wieder verlieren. Der Forschernachwuchs hat das Ganze stets im Blick.
Man darf bei dem Spiel nicht reden, so steht es in den Regeln. Und der Forschernachwuchs hält sich dran. In der Stille blinzelt er, rümpft die Nase, schielt an die Decke, kreist den Kopf in beide Richtungen und schnalzt mit der Zunge, aber er redet nicht.
Frau Life Science schweigt ebenfalls und konzentriert sich bestmöglich. Sie fragt nur ab und zu, wie es denn inzwischen steht, und bei fortgeschrittenem Spielverlauf kommt oft die Antwort:
„Wir haben jetzt noch das Leben, das wir leben.“
Man möchte diesen Satz an Garagentore sprühen.
🙂🙂🙂
Sylvia Schmieder
Autorin, Dozentin, Lektorin
https://sylvia-schmieder.de
Das Tagesgedicht auf YouTube:https://www.youtube.com/@dastagesgedicht-qb2dt
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