Andere Welt

Das x-te „Drei Fragezeichen Kids“- Buch dem Drittklässler schon wieder fertig vorgelesen, Tante Mathilda tischt ihren Kirschkuchen auf, bis er allen zu den Ohren rauskommt, und Kommissar Reynolds wurde schon dreimal selbst entführt oder irrtümlich verhaftet. Alles durchgespielt, mehrfach.

Eines Abends war einfach die Zeit für Harry Potter gekommen. Frau Life Science liest zunächst vom Handy. Weiß der Himmel, wer das hochgeladen hat. Nach ein paar Kapiteln bestellt sie endlich das Buch. In der örtlichen Bibliothek war es nicht verfügbar.

Es macht Spaß. Zumal Frau Life Science es selbst noch nie gelesen hat. Nur ausschnittsweise in einem Seminar für Kinderliteratur. Um es zu Ende zu lesen war es ihr bisher immer zu dick.

Als in Harry Potter und der Stein der Weisen der Zauberschüler nach Hogwarts kommt, muss er viel lernen. Es gelten völlig neue Regeln, in denen er sich zurechtfinden muss, dazu die vielen Häuser, Menschen, Geister, Post-Eulen und vieles mehr.

Es gab einhundertzweiundvierzig Treppen in Hogwarts: breite, weit ausschwingende; enge, kurze, wackelige; manche führten freitags woandershin

Frau Life Science hält beim Vorlesen inne. Freitags woandershin. Mutter und Kind stellen sich das mit allen Konsequenzen vor. Der Forschernachwuchs lacht so glucksend wie damals, als sich der Kasperl in Räuber Hotzenplotz absichtlich dumm stellte und die Kartoffeln spalten, das Holz schrubben und den Fußboden schälen wollte. Oder so ähnlich. Die Treppen führen freitags woandershin. Da ist ja herrlich, diese Fantasie!

Und besser kann man auch Fremdheit nicht beschreiben. Frau Life Science kennt das nur zu gut: Dass man irgendwohin kommt und plötzlich alles anders ist. Nicht die Treppen, aber so manches wird und wurde in Frau Life Sciences Leben nach kulturellen Umbrüchen plötzlich anders buchstabiert, anders gelebt, war anders gültig, ohne dass es jemand lange erklärte.

Es kommt nicht darauf an, was gesagt wird, sondern, wer es sagt, wäre zum Beispiel ihr Satz, anstelle der Treppenbeschreibung. Aber wenn man es weiß, ist man schon einen Schritt weiter.

„Solange ihr nicht den Fußboden an die Wand nagelt…“, sagten die ehemaligen Vermieter von Familie Life Science immer, um auszudrücken, dass im Rahmen des Vorstellbaren alles für sie ok und erlaubt wäre. Im Rahmen des Vorstellbaren.

Aber oft genug war der Fußboden an die Decke genagelt, wenn Frau Life Science später irgendwohin kam, oder die Menschen verabredeten sich gerade dazu, dieses Vorhaben baldmöglichst umzusetzen. Manchmal bat man Frau Life Science auch um Mithilfe.

Kulturwechsel sind auf ihre ganz eigene weise anstrengend… Harry Potter, du bist nicht allein.

5 Gedanken zu “Andere Welt

  1. /manche führten freitags woandershin … /Ja, ein toller Satz! Drückt
    das Fremdsein aus, wie du sagst, die Desorientierung. Daneben auch die
    Lust am Abenteuer. Irgendwo habe ich vor Jahren von einer Psychologin
    den Rat gelesen: Wenn du Angst hast, sag dreimal: /Abenteuer, Abenteuer,
    Abenteuer. /Also quasi als Potterscher Zauberspruch.

    Sylvia Schmieder
    Autorin, Dozentin, Lektorin

    https://sylvia-schmieder.de

    Veranstaltungen


    Das Tagesgedicht auf YouTube:https://www.youtube.com/@dastagesgedicht-qb2dt

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  2. Was für ein schönes Bild mit der Freitagstreppe. In der WG lesen wir in den Wintermonaten sonntags ein Buch, d.h. es wird vorgelesen. Besonders die migrantischen Bewohner schätzen das sehr, auch weil es gemeinschaftsbildend ist und viele Anknüpfungspunkte für Gespräche gibt.

    Unterschiedliche kulturelle Muster sind hier in der WG Dauerthema. In den letzten zehn Jahren haben hier Menschen aus mehr als 55 Ländern gelebt.

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