Die Kraft der Wiedergutmachung

Der Sohn hatte sich qualifiziert, er würde mit ein paar MitschülerInnen seine Schule vertreten bei der Dino-Staffel im nahegelegenen Stadtpark, rennend vertreten, denn darin ist er gut, das kommt vom Fußball.

7:45 Uhr war Treffpunkt auf dem Pausenhof, statt 8:15 Uhr zum Unterricht im Klassenzimmer. Das musste ja schiefgehen. Die ganze Routine war anders. Wann muss man zuhause losgehen, um 7:45 Uhr an der Schule zu sein? Wer weiß das schon? Da muss man ja rechnen!

Er selbst hätte es bestimmt hingekriegt, aber er wird ja noch zur Schule gebracht – voraussichtlich noch bis zum Abitur.

Wegen seiner Mutter – die noch dies und das mal eben noch und nur ganz schnell, ganz kurz – klappte es nicht. Er war erst 7:49 vor Ort.

Ups, wie unangenehm, nächstes Mal lieber besser planen…

In ihrer eigenen Schule angekommen, gab Frau Life Science mit dem rennenden Kind bei den Kolleginnen an, doch als sie ihn nachmittags vom Hort abholte, erfuhr sie, dass er gar nicht mitgelaufen war.

Er hatte nicht gedurft. Wer zu spät kommt… der wird zum Ersatzläufer degradiert. An seiner Schule, die einfach keine Angst vor Elternmails hat. Ein:e Ersatzläufer:in dürfte sich gefreut haben.

Aber beschreibe einer die mütterlichen Schuldgefühle! “Hätt ich bloß,… ach, wär ich nur,… warum bin ich nicht.“

Schwer auszuhalten, diese Gedanken. Irgendwas musste geschehen. Ein Ersatz, eine Gegen-Tat, eine Wiedergutmachung.

Bei kleinen Kindern ist es manchmal ganz einfach. Hat man den Tisch gedeckt, obwohl das Kind ihn heute (sonst nie) hätte decken wollte, deckt man ihn einfach wieder ab. Geschehenes Zurückspulen. Dann neu decken. Das geht.

Was aber tun bei verpatzten Dino-Staffeln?

Frau Life Science überlegte sich ein symbolisches „Opfer“, eine „Strafarbeit“ für sich selbst. Es sollte bisschen weh tun, dem Kind Spaß machen, den entgangenen Wettbewerb ersetzen.

Da fiel ihr gleich etwas ein: Sie würde einmal rennen gehen mit dem Sohn, ganz privat. Seine Augen leuchten bei der Ankündigung. Du mit mir? Echt jetzt? Ok?!

Nicht viel eigentlich, andere Eltern machen das bestimmt öfter. Aber vom Zeitpunkt dieser Vereinbarung ab war das Schuldgefühl überwunden und verarbeitet. Dass es noch bis zum Sommerurlaub dauerte, bis es zur Umsetzung kam, spielte dann schon fast keine Rolle mehr.

Die Kraft der Wiedergutmachung – was klingt wie eine neue Folge von Steinbrechers SWR Nachtcafé , funktioniert wirklich. Vielleicht sollte man sie öfter nutzen.

Die Sekretärin von Frau Life Sciences Schule wurde im vergangenen Schuljahr unversehens aktiv Teil einer Rettungsaktion, nachdem eine Lehrkraft morgens nicht zum Dienst erschienen war. Die Lehrkraft wurde zuhause aus Lebensgefahr befreit mit Feuerwehr, Tür aufbrechen, Pipapo. Es muss dramatisch gewesen sein. Operation erfolgreich, Gott sei Dank. Als sie Wochen später aus der Reha zurückkehrte, dekorierte ihr die Sekretärin die private Wohnungstür mit Willkommenschild und Blumen. Es war ihr ein Bedürfnis, sagte sie. Sie musste für sich selbst mittels Blumen und Co den Fluch dieser Tür vergessen machen.

Die Kraft der Wiedergutmachung. Die Sekretärin kennt den Trick.

Hinterlasse einen Kommentar