Frau Life Science war zum Orgelkonzert verabredet, aber davor sollte sie noch ganz kurz der 80-jährigen Nachbarin helfen, ein Dokument an eine wichtige Email zu hängen, was bei ihr einfach nicht klappen wollte.
Angela freute sich über ihr Kommen und hatte schon alles vorbereitet. Als alles versendet war, die immense Dankbarkeit für den kleinen Handgriff ausführlichst betont worden war, wollte man gemeinsam in Richtung Orgelkonzert marschieren, wo jeder der beiden noch anderweitig verabredet war.
„Ich rufe noch eben meine andere Freundin Frau Flink an“, meinte Angela, dann kann sie bei uns mitkommen. Denn der Hofgarten ist zurzeit mit Paletten und Baumaterial verstellt, das ist gar nichts für sie mit ihrer Seheinschränkung.
Frau Life Science kennt Frau Flink und ihre Seheinschränkung, aber dass die aktuelle Baustelle für sie ein Problem bereiten könnte, wäre ihr nicht im mindesten eingefallen. Angela natürlich schon. Sie liefert seit Jahren sachdienliche Hinweise zu Hindernissen, und weil man sich gegenseitig in dieser Weise achtet und füreinander mitlebt, bleibt man auch gleich beim „Sie“.
Frau Life Science wollte die Gelegenheit bis zu Frau Flinks Eintreffen nutzen, doch noch eben ein Halstuch von zuhause zu holen, bekam aber eines von Angela angeboten. „Ach, das steht dir!“, meinte sie und es stimmte.
Da klingelte auch schon die 90-jährige Frau Flink, hakte sich bei der 80-jährigen Angela unter, aber nur im Hofgarten, danach wollte sie unbedingt wieder alleine gehen.
Frau Flink wohnt übrigens auf Fensterhöhe mit Familie Life Science, und wenn sie nachts aufwacht und aus dem Fenster blickt, sieht oft noch Licht. Weil Frau Life Science sie inzwischen namentlich grüßt, noch bevor sie die Begegnung auf dem Gehsteig durch ihre Sehbehinderung verpassen kann, erkannte Frau Flink, dass Frau Life Science und Co die mit dem Licht sind. Das Licht erfreue sie immer so sehr, berichtet sie. Es scheint für sie etwas zu sein, was sie wie ein Gruß wahrnehmen kann, während Gesten, wie aus der Ferne Zunicken oder Lächeln an ihr oft vorbeigehen.
Ist das nicht schön? So kann man mit nächtlichen Recherchen oder Aufsatzkorrekturen nebenbei noch jemandem eine Freude machen!
Am nächsten Tag war Kirchencafé, wo Frau Frau Flink, Angela und andere natürlich nicht fehlen durften. Frau Fink lobte sogleich das Orgelkonzert. Sie konnte aufgrund musikalischer Vorbildung genau schildern, worin die Virtuosität des Musikers lag, das war Frau Life Science zumindest so im Detail entgangen. „Ich war richtig high“, verkündete Frau Flink.
Angela hatte für Frau Life Science sogleich eine Aufmerksamkeit zur Hand in Form von selbstgemachten Keksen, liebevoll verpackt und frisch erworben am Basar. Denn wer Angela etwas hilft, geht, ob gewollt oder nicht, stets mit mehr aus der Begegnung heraus, als er oder sie an Zeit und Energie investiert hat.
Man muss sie einfach mögen, die achtsamen Omas im Kiez.