Wenn zum Problem ein Problem kommt

So ein Herzfehler in der Familie ist auf Dauer auch einseitig, da muss schon noch was hinzukommen.

Am Tag der Entlassung von der Wöchnerinnen-Station hatten sich Herr und Frau Life Science im Aquarium verabredet um nach einem Date mit ihrer eingesteckten Tochter gemeinsam die Rückreise anzutreten und den großen Sohn aus der Kita abzuholen. Die Stimmung war gut. Voller Tatendrang und in Wiedererkennung vorschwangerschaftlicher Lebenskraft wollte Frau Life Science den neuen Lebensabschnitt beherzt in Angriff nehmen. Sie war als erste im Aquarium. Den Klinikkoffer parkte sie in der Besuchergarderobe. Bald würde der Lifescientist hinzustoßen.

Ein Anruf in Anwesenheit, gefolgt von einer Textnachricht. „Ruf an“, zeigte das in einen frischen Zip-Beutel gehüllte Handy an. „Darf nicht“, schrieb Frau Life Science zurück, „bin schon im Aquarium“. Grund des Anrufs war ein Anruf und zwar einer aus der Kita, der Sohn habe Fieber und Erbrechen. Abholen so bald als möglich.

Frau Life Science musste also ihre neue Milchpumpe samt Zubehör selber in der Apotheke abholen und schleppen. Dazu noch das Klinikköfferchen, das im Fall von Frau Life Science ein ausgewachsener Koffer war, über den eine fränkische Krankenschwester so herzhaft gelacht hatte. Entschuldigung, liebe fränkische Krankenschwester, dass Familie Life Science nur Koffer in zwei Größen vorhält: in zu groß und zu klein. Und bitte kritisieren Sie Wöchnerinnen nicht. Niemals und wegen nichts noch so Banalem.

Nun war Frau Life Science doch tatsächlich froh an dem Witzkoffer, konnte sie doch darin noch das Pumpzubehör unterbringen. Wie wenn sie es geahnt hätte.

Nun sind Erbrechen und Fieber ja ganz typisch für Fünfjährige. Und typisch für Fünfjährige mit COVID. Schon im Taxi begann die Recherche nach einer Testgelegenheit.

Der Taxifahrer konnte eine Teststelle empfehlen. Mit Straße und Hausnummer. Gute Erreichbarkeit, überschaubare Wartezeit. Er war vor zwei Tagen mit seiner Frau dort gewesen. Nur im Internet fand sich das Angebot nicht, weil das Internet die pandemische Wirklichkeit nicht schritthaltend abbildet.

Auf gut Glück hinfahren schien keine gute Strategie. Die nächste Anlaufstelle war der Kinderarzt. Die Praxis vor Ort, wo die Ärztinnen mitunter auch ihre eigene Sprechstundenhilfe in Personalunion sind und als Praxisgemeinschaft gerne mal fünf Wochen Sommerurlaub machen, aus Erschöpfung, hat zum Jahresende vollends die Flinte ins Korn geworfen und die Praxis für immer und ohne Nachfolge geschlossen. Die Patientenakten hat man in einer endokrinologischen Praxis hinterlegt, wahrscheinlich war da gerade ein Schrank frei. Bevor man‘s wegschmeißt.

Bei einer weiteren Kinderärztin, die sich Familie Life Science aus einer Vorahnung heraus bereits empfehlen hatte lassen, war die Leitung belegt. Wie bisher meistens. Als Frau Life Sience endlich durchkam, erfuhr sie via Bandansage, es wäre an diesem Tag ohnehin geschlossen gewesen.

Der angesagte Vertretungsarzt führte keine Corona-Abstriche durch. Wo kämen wir da hin, wenn Ärzte Kinder auf Krankheiten untersuchen würden? Auf Nachfrage empfahlen sie eine Stelle in Schöneberg, die Frau Life Science mit einer Warteschleife „weiterhalf“.

Der neue Flughafen als Gelegenheit für einen Abstrich schien zu weit weg. Eine Teststelle im eigenen Kiez war angekündigt, zumindest ungefähr den Januar über solle diese tätig sein, die Anmeldung erfolge online, so die vollmundigen Presseartikel. Einzig de Link war nirgends. Sie können es glauben: Wenn dieser Link in der Welt des WWW existiert hätte, die Chefredakteurin dieses Blogs hätte ihn gefunden.

Der ganz normale Pandemie-Wahnsinn, wie viele und vielleicht auch Sie ihn erleben. Leute mit erstens klarer Indikation (eindeutige Symptome in der Familie und regelmäßige Besuche allervulnerabelster Menschenkinder auf der Neo-Intensiv) und zweitens zumindest ausreichender Intelligenz finden eigenständig keine Teststelle.

Familie Life Science kam gar nicht auf die Idee, eine Hotline anzurufen. Hätte bestimmt super geklappt…

Schließlich fand der Lifescientist heraus, dass das Gute nahe lag: Eine geeignete Teststelle fand sich keine 800 Meter entfernt vom Herzmädchen. Man hätte drauf kommen können.

Ein direkter Besuch beim Herzmädchen war, trotz aller räumlicher Nähe, nicht drin. Nur Milchshake-Auslieferung im Keller. Zwar bestand kein konkretes Besuchsverbot, jedoch man hat ja auch noch ein Gewissen.

Der erlösende Anruf kam nach 30 Stunden. Der Infekt war nur ein Infekt. Die Herzmädchen-Eltern würden auch nächste und übernächste Woche ihr Kind sehen und berühren dürfen und Frau Life Science beendete das Telefongespräch ohne Stimme.

3 Gedanken zu “Wenn zum Problem ein Problem kommt

  1. Unfassbar schlimm. Wie beängstigend die ärztliche Versorgung für Kinder ist. Unerträglich, was Sie da beschreiben und erleben müssen. Zum Glück Glück Glück hat der „grosse“Bruder nur eine Erkältung und das Herzensmädchen darf besucht werden von seinen Herzensmenschen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald alle 4 glücklich und gesund zu Hause sein können.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s