Nachmittags

Frau Life Sciences Grundschulzeit auf dem Dorf: Machmittags losgehen und paar Straßen weiter bei der Freundin klingeln. Es gab so gut wie keinen Spielplatz – oder es war alles Spielplatz. Der häusliche Garten, das unbebaute Grundstück, die Rebberge. Stundenlang. Wenn die Kirchenglocken läuteten, war es Zeit nach Hause zu gehen.

Das Maß an nachmittäglicher Selbstbestimmung, was ihr und ihrer Generation zu dieser Zeit und in diesem Kontext zugestanden wurde: unvorstellbar. Es war gewiss nicht alles toll, aber DAS wünscht man sich doch manchmal zurück.

Heute geht jedem Spiel-Treffen ihres Kindes ein relativ komplexes Kommunikationsgeschehen mehrerer Erwachsener voran. Die Mütter (es sind immer die Mütter) müssen regelrechte Termine ausfuchsen und dann schriftlich den Horterziehern mitteilen, wer beim Abholen von der Schule das Kind mitzunehmen berechtigt ist. An die Stelle des autonomen Spiels der Kinder tritt lückenlose Betreuung, weil sie muss.

Nur ein Kind in Alter des Forschernachwuchses klingelt nachmittags noch spontan ab der Tür und schaut, wer da ist. Ein Sonderfall. Der ist dann schon so familiär unbeaufsichtigt, dass er im Hause Life Science gerne öfter mal die Obstschale ansteuert.

Verwahrlost oder für voll genommen; die Grenzen sind unscharf.

Apropos verwahrlost oder gerade nicht: Frau Life Science hat als Kind nachmittags in einer Lehmgrube Feuer gemacht – auf dem unbebauten Nachbargrundstück ihrer Spielfreundin. Deren Mutter kam einmal vorbei zum Sicherheitscheck. Sie hat die Feuerstelle in Augenschein genommen und sie allen Ernstes genehmigt. Hat es Frau Life Science einfach an Eltern statt miterlaubt, dort zu spielen. Das war ok und niemand wurde verletzt oder gefährdet. Unvorstellbar. Die Eltern waren übrigens in kleinster Weise bildungsfern oder uninteressiert an ihren Kindern. Andere Zeit, anderer Ort. So war das.

Statt selbst verwalteter Feuerstelle gibt es nun für den Forschernachwuchs institutionalisierte Nachmittagsbetreuung mit einem Angebot an Aktivitäten das, äh, überschaubar ist. Die Kinder, beziehungsweise Eltern (!) , können wählen zwischen:

-“Entfällt!

-“Überschneidet sich mit…

-“Darf man erst ab der 3. Klasse

– „Interessiert mich gar nicht“.

Ach, und es gibt auch noch

– „Kostet Geld, auch wenn es ausfällt

und

– „Aber zum Mittagessen reicht es dann nicht“

Worauf hätten Sie da so Lust?

Frau Life Science ist der Meinung, dass jede Schule die Mittel erhalten sollte, ihren Schülern ein abwechslungsreiches kostenloses oder günstiges Nachmittagsangebot unterbreiten zu können. Es muss ja nicht gleich Delfinschwimmen sein. Aber wie wäre es, wenn man so bisschen noch was lernt am Nachmittag? Weil einem jemand etwas zeigt oder so?

Oder ist es besser, wenn die Mütter (!) zu den unmöglichsten Uhrzeiten Feierabend machen, um ihre Kinder durch die Gegend zu karren und dann irgendwie fertig rumzusitzen, während ein Kind irgendeiner Aktivität nachgeht, dann noch möglichst 3 dienstliche Telefonate erledigen?

Wenn Sie sich fragen, wo die Fachkräfte sind, von denen alle reden: die fahren ihre Kinder um 14:00 Uhr irgendwohin.

5 Gedanken zu “Nachmittags

  1. Wir mussten uns ja quasi draußen herum treiben. Das Fernsehprogramm war Nachmittags recht dünn, wenn es überhaupt erlaubt war und Wifi gab‘s ja nicht. Ich habe da schöne Erinnerungen an die Zeit auf den Höfen der Berliner Altbauten. Und von 18:00 die Kirche in der Nachbarschaft läutete, gings heim. „Du, ich muss nach Hause, sonst gib‘s Ärger“ 😉

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