Tablets an Schulen. Du meine Güte. Ob man überhaupt darüber schreiben soll? Man möchte ja niemanden bloßstellen, schon gar nicht sich selbst oder die werten KollegInnen, die auch jeden Tag krumm machen, dafür, dass Kinder gut durch den Schultag kommen.
Seit Frau Life Science an ihrer jetzigen Schule tätig ist, gibt es ein Kontingent an Schüler-Tablets, die man nach vorheriger Eintragung in einem dafür angelegten ausrangierten Hausaufgabenheft (Mo-Fr) für seine Klasse entnehmen kann, solange der Vorrat reicht.
Frau Life Science nutzt sie nicht oft, weil die immer erst in der Nacht davor weiß, was sie am nächsten Tag unterrichtet (wenn überhaupt) und dann eben von zuhause aus nicht auf das Hausaufgabenheft zugreifen kann. Die Möglichkeit, dass am nächsten Tag keine Tablets mehr für ihr geplantes Vorhaben da sind und sie ganz ohne eine vage Unterrichtsidee dasteht, ist ihr dann doch zu stressig.
(Ihre Hopplahopp-Unterrichtsplanung hat mit ihrer desolaten Lebenssituation zu tun: sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.)
Hat sie die Tablets doch reserviert oder nutzt sie spontan, weil sie frei sind, dann haben sich immer irgendwie zwei aufgehängt, eines will das andere Passwort haben und eines ist nicht geladen. Zurückgehen, neue holen, Schüler tanzen auf den Tischen. Zum Abgewöhnen. Also wirklich nur ab und zu.
Wenn sie jedoch die Tablets doch einmal erfolgreich im Betrieb genommen hat, sind dann schon mal die falschen Seiten offen. Aus vorangehenden Sitzungen anderer Schüler (Info: in Berlin Grundschule bis Klasse 6). Die „falschen Seiten“ kann man sich ja in dem Alter vorstellen.
Die Schüler sind ja nicht blöd. Sie sind über die Jahre oder Monate der schulischen Tabletnutzung medienkompetent geworden. Sie haben erkannt, dass der Browser alles kann und weiß und macht und dass die Lehrperson die Lage schon lange nicht mehr überblickt. Wie auch. Der LogIn ist nicht personalisiert, die Aufsicht in der Stunde lückenhaft (überwachen Sie mal 25 Kinder und ca. halb so viele Bildschirme gleichzeitig), für Kontrolle der Geräte bei Abgabe keine Zeit. Man ist froh, man kriegt sie alle zurück in die Box und wieder einzeln eingestöpselt, die nächste Schulstunde hat, wenn das erledigt ist, längst angefangen.
Auf die fragwürdige Recherche-Prozesse während Schulstunden und die Folgen für unschuldige Nächstnutzerkinder, die erst einmal zig beschämende Fenster schließen müssen, bevor sie Wildbienen googeln können, weist die Referendarin hin. Wer sonst.
Frau Life Science hat zuzüglich zur eigenen Tablet-Unterrichtserfahrung zwei Hinweise der Referendarin gebraucht – zunächst im kleinen Kreis, dann im großen Team, bis es ihr endlich wie Schuppen von den betriebsblinden Augen fiel:
Was machen sie da eigentlich?
Kindern in einer Bildungseinrichtung weitgehend konzeptfrei und ungefiltert das Internet zur Verfügung stellen und denken, das wird schon gutgehen. Und das Unterricht nennen. Alles klar!
Man kann da nun über die Lehrerschaft schimpfen. Wie doof sind die auch.
Sind sie nicht. Sie erhalten nämlich viel zu wenig, nein, gar keine Zeit und keinen Raum für notwendige Prozesse, Konzepte, Entwicklungen.
Es lohnt sich für keine Lehrerin, ungünstige Vorgänge zu hinterfragen, denn am Schluss landet sie, schwuppdiwupp, in einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung des hinterfragten Vorgangs, die dank generell überbordender Aufgabenlast und fehlender Zeiterfassung ehrenamtlich tagt und am Ende im Sande verläuft, mit all den bereits investierten Stunden. Finger weg! Dann lieber Augen zu und durch! Browser-Fenster schließen, weitermachen. Meistens googeln sie ja wirklich nur Wildbienen.
Ist denn niemand für die Tablets irgendwie zuständig? Doch! Der andere Referendar und er tut bereits, was er kann und mehr als er muss.
Das Erzieherteam am der Schule bespricht sich einmal wöchentlich zur erfolgreichen Bewältigung ihrer Arbeit und schreibt die dabei geleisteten Stunden akribisch auf. Das ist ihr gutes Arbeitsrecht!
Arbeitsrecht ist für Lehrkräfte jedoch nicht vorinstalliert. Darum tagt die Lehrerschaft nicht einmal jeden Monat – aus Selbstschutz. Zum Glück, da kommt Frau Life Science billiger davon mit der Babysitterin. Zum Unglück, denn nichts ist geregelt.
Danke für den Insiderbericht und er zeigt ja wieder wunderbar: Digitalisierung fängt zwar mit Hardware an, hört da aber nicht schon wieder auf.
Liebe Grüße an den Kultusminister
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