Mail aus der Kita

Als der Lifescientist Frau Life Science bei der Arbeit anrief, bemerkte er gleich die Unbefangenheit von Frau Life Science. „Ach so, du hast die Mail von der Kita noch nicht gelesen.“

Mails aus der Kita sind generell mit Vorsicht zu genießen. Meistens muss man früher abholen oder jemand hat Viren.

Diese Mail beinhaltete die Nachricht von der kurzfristigen Kündigung dreier Mitarbeiterinnen, wo nur sechs beschäftigt sind.

Nachdem das Herzmädchen nun bereits die dritte Bezugserzieherin kennengelernt hat, ist das kein ganz neuer Trend im Haus.

“So hat es bei uns damals angefangen”, sagt die andere Mutter am Zaun. Ihr Blick geht starr in die Leere. Sie hat mit ihrem Sprössling in die Einrichtung gewechselt, weil die bisherige für immer geschossen hat. Grund: Personalmangel.

Tragisch ist es , weil diese hier die Wunsch- und Wahlkita der Familie Life Science ist. Sie ist Teil des kirchlichen Lebens im Stadtteil. In 2 Wochen zelten sie mit einer Familiengruppe zwischen Klettergerüst und Rutschbahn im Kirchgarten. Alles passt.

In der Email wird als Grund für die gehäuften Kündigungen unter anderem die hohe Arbeitsbelastung genannt. Man möchte sich als Mutter am liebsten entschuldigen, dass man immer das Kind bringt.

„Ich habe wirklich Verständnis und möchte nicht überheblich sein“, sagt der Lifescientist, „leicht ist es sicher nicht, aber es ist auch keine Tätigkeit im Bergwerk.“

Die Kita lädt nun zu einer Art Krisengipfel in drei Tagen um 15:00 Uhr. (Wenn erwachsene Menschen um 15:00 Uhr Zeit haben, haben Sie in der Regel keinen durchschnittlichen Beruf und keine Kinder, für deren Betreuung sie einen Krisengipfel benötigen. Aber was soll‘s).

Als die meisten Eltern eine Betreuung organisiert haben, wird nachträglich eine Notbetreuung durch eine ehrenamtliche Kraft angeboten.

Drei Tage nach der Mail finden um 15:00 Uhr ca. 25 Akademikerinnen und Akademiker, Zwillingsmütter und Großfamilienmanagerinnen auf zu viel kleinen Stühlen Platz, mit dabei der rosa Elefant im Raum.

Er heißt: „Was ist denn hier eigentlich los? Könnt ihr euch verdammt nochmal nicht irgendwie vertragen? Was läuft hier schief?”

Alle außer dem Elefanten kommen miteinander ins Gespräch. Branchenfremde Lichterfelder LeistungsträgerInnen wägen ab, mit welcher Maßnahme wohl zielführend und nachhaltig (!) Manpower (Womenpower) zur Betreuung des eigenen Nachwuchses aquiriert werden könnte. Alle Geladenen haben übrigens einen bestehenden Betreuungsvertrag zuhause abgeheftet, der Rechtsanspruch im Lande besteht; dennoch bleibt man unendlich konstruktiv.

Als Maßnahmen zur Diskussion stehen an diesem Nachmittag unter anderem:

Weitere Inanspruchnahme von Personal-Leih-Agenturen mit unausgebildeten Kräften völlig unklaren Hintergrunds (dürfen nicht eigenverantwortlich Dienst machen)

Zusätzliche Inanspruchnahme von Personal-Leih-Agenturen mit ausgebildeten Kräften (warum zum Teufel nehmen diese Personen keine Stelle an und arbeiten „richtig”? Aber sie sind ohnehin nicht verfügbar)

Nutzung von Eltern als Not-MitarbeiterInnen (sind überraschenderweise auch nicht ausgebildet, außer Frau Life Science, aber psssst)

Gewinnung neuer regulär ausgebildeter Kräfte durch Werbemassnahmen im privaten Umfeld, Aufhängen von Bannern am Zaun (selbst wenn man diese Kräfte findet, sind sie andauernd krank und die Loyalität gegenüber der Einrichtung und der Tätigkeit an sich ist äußerst gering ausgeprägt. Dauernd wechseln die das Haus oder gleich die Branche).

Was soll das eigentlich. Lieber Senat, lieber Staat, das ist doch eigentlich Daseinsvorsorge in einer arbeitsteiligen Welt. Eine Privatperson kann nicht das Bitumen anrühren für die Straße, auf der sie später fahren will. Die muss halt einfach schon planiert sein, und wenn sie kaputt geht, soll nicht der/die AutofahrerIn selbst die Reparatur planen müssen. Die Eltern sollten sich nicht nicht den Kopf zerbrechen, wo das Personal für die Kita herkommt, sie haben ihre eigenen Aufgaben.

Nach nur 45 Minuten findet der Krisengipfel ein Ende. Die Uhr tickt ja immer für die ErzieherInnen, während Frau Life Science ganz ohne Zeiterfassung in ihren Sitzungen festhockt. Da wird denen heute wohl 1 Stunde gutgeschrieben werden, denn man muss auch noch die Stühlchen wegstellen und abschließen, somit sind es dann 58 Minuten und das ist dann ja eine Stunde, wenn man es genau nimmt.

Zu Ende geht der Gipfel in unendlicher Gesittetheit, mit achtfach ausgesprochenem Dank für die Berufsausübung und nicht ausgesprochener Entschuldigung, dass man als Familie diese ganze Arbeit überhaupt verursacht. Und ohne Lösung. Mit Hoffnung und mit „das wird wieder!“

Dass Familie Life Science die ganzen Leute auch noch wirklich irgendwie sehr mag und schätzt, die Kündigenden und die Bleibenden, macht die Sache auch nicht leichter.

5 Gedanken zu “Mail aus der Kita

  1. Oh man ist das bitter. Vielleicht bestellt ihr einfach alle 5 Minuten eine Riesen-Pizza in die Kita. Damit wird dann ca 12 mal pro Stunde nach dem Rechten geschaut (also nur ob es nicht brennt und niemand geknebelt ist) und satt werden die Kinder dann auch gleich noch.

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  2. Ein Problem ist natürlich auch: Es wird so viel Personal gesucht, dass jeder, dem irgendwas nicht passt, einfach sofort gehen kann und in drei Sekunden eine andere Stelle hat.
    Außerdem frage ich persönlich mich immer, was gegen die ungelernten Kräfte einzuwenden ist. Das sind ja keine Leute, die von der Straße aufgesammelt wurden und ehrlicherweise muss man auch sagen, das nicht jede Handreichung in einer Kita hochpädagogisch ist. Essen verteilen oder auch im Garten mit beaufsichtigen – da ist es doch besser, es ist eine Person mehr da, auch wenn sie keine Erzieherin ist.

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      1. Puh, Zeitarbeitskräfte finde ich bei sowas aber auch fragwürdiger als eine fest angestellte Person.
        Was heißt „nicht alleine sein“? Die Frage ist ernst gemeint. Dass die Person nicht stundenlang alleine sein darf ist mir klar, aber was ist zum Beispiel, wenn die Erzieherin/Kinderpflegerin den Raum verlässt, um ein Kind zu wickeln?

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      2. Ich glaube, Ungelernte dürfen mal kurz alleine im Raum sein, aber nicht die Gesamtverantwortung für die Gruppe tragen (aus meiner Sicht zu Recht)
        Zeitarbeit ist der Versuch die Personallücken dann zu stopfen, wenn sie akut auftreten. Überbesetzung im Voraus zu fahren, um bei mehr oder weniger überraschenden Ausfall wenigstens noch mittelmäßig besetzt zu sein, wird generell von Trägern nicht gewährt und ist vermutlich noch teurer (wo bei die Nutzung von Zeitarbeit generell überaus teuer ist, wie man hört).

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