Mein Dorf – mein Verein

Der Forschernachwuchs spielt ja Fußball. Vor paar Jahren mal mit nem Freund mitgegangen, damals wusste er gar nicht, auf welche Torseite überhaupt zu zielen war, aber Zack, das hat die Weichen gestellt, jetzt halt Fußballfamilie. Samstagsausflug ist dann auch klar: Fußballplatz.

Heute ein Auswärtsspiel direkt an einer Berliner Dorfkirche. Solche aus der Zeit gefallenen Steinhäuschen findet man in dieser Stadt mindestens so viele es Bezirke gibt, nur ist nicht immer gleich Fußball dabei. Heute auch noch Glockengeläut, eine Hochzeit mit waschechtem Pferd, Septembersonne und Grillwürstchen vom Verein. Total idyllisch. Die Spielereltern tragen Hoodies mit der Aufschrift: Unser Dorf – Unser Verein. In Berlin. Kein Witz.

Wenn nur der Gegner von der Dorfkirche nicht so viel foulen würde! Gebeugt und teils weinend gehen die ausgewechselten Kinder vom Platz. In der zweiten Halbzeit kippt die Stimmung unter den Eltern. „Hey, Trainer! Kannst du nicht mal was machen?“ Einen Schiedsrichter gibt es nicht. Frau Life Science meint aus Mangel an Ehrenamtlichen, der Lifescientist meint aus pseudopädagogischer Ideologie.

Kurz vor Schluss entbrennt ein Streit in der Elternschaft. Dürfen Eltern in das Spiel kommentierend eingreifen und dürfen Kinder andere Kinder vermöbeln? Die korrekte Antwort scheint unklar.

Spiel-Ende. Während die hellblaue Mannschaft des Forschernachwuchses ihren knappen Sieg gegen die Dorfkirchler in der Kabine feiert, wird Frau Life Science Ohrenzeugin einer relativ unverblümten Lästerrrunde der gegnerischen Elternschaft.

“Wenn sie damit ein Problem haben, dass sie ein Fowl abkriegen, sollten sie sich lieber beim Ballett anmelden.”

(Familie Life Science ist ja beim Ballett angemeldet, nur halt mit dem anderen Kind. So viel Ordnung muss sein in der Musterhausküchen-Standardfamilie ohne Musterhausküche)

Überhaupt wird es offenbar als sehr unsportlich wahrgenommen, dass die nichtdorfkirchliche Elternschaft Fowls anmahnt. Das geht ja gar nicht.

Frau Life Science fällt es wie Schuppen von den Augen: Hier spielen keine zwei Vereine gegeneinander, sondern Bildungsfamilien gegen, äh, andere. Junge Mütter gehen alte Mütter, Eltern mit Hoodies gegen Eltern ohne. Gewichtigere Menschen geben durchschnittlichere. Leggings gehen Jeans.

Und da wird es ja eigentlich wirklich spannend. Eventuell wird ja gar nicht dieselbe Sportart betrieben. Im Dorfkirchenverein gilt Foulen ja anscheinend als legitime Spieltechnik und wird in der Familie (sofern sie zum Gewinnen führt) wahrscheinlich positiv verstärkt wie anderswo ne Eins im Vokabeltest.

Hier hält zusammen, wer den gleichen Hoodie trägt. Darüber hinaus wird soziales Verhalten nicht übermäßig stark forciert. Und eventuell macht diese Sichtweise für irgendwen irgendwo Sinn. Eventuell ist Frau Life Sciences bildungsbürgerlicher Mikrokosmos ein wenig zu schnuckelig.

Darüber denkt Frau Life Science den Rest des Tages nach, und über das irgendwie unwirkliche, fast filmreife Zusammentreffen zweier Sportarten an der Dorfkirche, bimbam-bam-bam-bam.

2 Gedanken zu “Mein Dorf – mein Verein

  1. Wieder mal ein wunderbarer (und mutiger!) Text, vielen Dank. Ich war
    richtig dabei und frage mich jetzt mit Frau Life Sience, wozu die
    Erziehung zu Fouls (ernsthaft) gut sein könnte. Ich glaube, es ist
    wirklich der Zusammenhalt innerhalb der eigenen Mannschaft/Elternschaft,
    der dadurch gestärkt wird. Und: Der Angst vor allem Möglichen wird eine
    auf die Nuss gegeben. Blöd nur, wenn man dann zu dieser
    Hoodie-Mannschaft gehört und sich zum Austeilen nicht so eignet, zum
    Beispiel rein körperlich. Dann muss man zum Ballett, und das ist hart.

    Sylvia Schmieder
    Autorin, Dozentin, Lektorin

    https://sylvia-schmieder.de

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    Das Tagesgedicht auf YouTube:https://www.youtube.com/@dastagesgedicht-qb2dt

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