Blitze im Kopf

Postmappe aus der Schule. Ein gelber, abgewetzter (sollte man auch mal ersetzen) Eckspanner (möglichst jeden Tag reinschauen) prall gefüllt mit Aufgaben, (am besten gleich erledigen) vermischt mit Arbeitsblättern aus Religion, die einfach nie den Weg in den lilafarbenen Schnellhefter finden wollen, oder in den lilafarbenen Ersatzschnellhefter (wo sind die Hefter bloß wieder gelandet?).

Für heute fällt zwischen Reli-Blättern aus der Mappe Folgendes raus und somit an:

Ein Mathe-Test zum Unterschreiben (Wann ist eigentlich der nächste und kann das Kind die Achterreihe denn noch? Nachher üben).

Die Rundenliste vom Sponsorenlauf (Haben wir alle Sponsoren, Oma, Opa, Onkel, Tante und die Babysitterin über die gelaufene Rundenzahl informiert und uns adäquat bedankt und wo war noch gleich die Kontonummer, ah, auf dem anderen Zettel, der mit der anderen Reiseroute, sehr praktisch).

Das Abfrageformular für den Betreuungsbedarf in den Herbstferien (oh das ist immer noch drin, die Frist ist dann auch rum nach dreimaligem erfolglosem Mitschicken, jetzt Wochenende, Klassenfahrt, schulfrei, was machen wir denn jetzt?)

Die Packliste für die unmittelbar bevorstehende Klassenfahrt (passen die Turnschuhe eigentlich noch oder müssen wir noch schnell welche kaufen, wo überhaupt und wer und wie und haben wir die 17 Euro Zusatzbeitrag schon bar beglichen und wann fährt der Bus ab und wer kann das Kind hinbringen?)

Der AG-Zettel zum Ankreuzen (Was ist wichtiger Basketball oder Mittagessen, oder geht schneller essen und unpünktliches Basketball, wollen wir das, vielleicht, mal schauen, Familienrat)

Bestellzettel vom Schulfotografen (welche Bilder brauchen wir und für wen und welche ausgedruckt und welche digital und nehmen wir lieber das Sparpaket oder das Supersparpaket oder das Supersparpaket XXL und was machen wir mit den Bildern und wer verwaltet erstens das analoge und zweitens das digitale Familienarchiv dauerhaft und sicher, etwa die Person mit den zumindest mildem ADS und dem schwierigen Verhältnis zu Elektronik? Anderes Thema.)

Die Postmappe. Manchmal ist sie auch leer. Darum ist sie auch nur einen hinteren Platz auf der Mental-Load-Skala, weit nach „Kindergeburtstag“ (haben wir noch Kerzen, reichen die Luftballons, was kommt im die Goodie Bag und was sagt man den Leuten, was sie schenken sollen, was essen wir überhaupt usw. usw.) und „Weihnachten“ (der Schwiegermutter sagen was sie allen schenken soll, während man selbst nicht weiß, was man allen schenken soll usw. usw.)

Disclaimer:

Dieser Text war mal wieder ein Versuch, Mental Load abzubilden, aber das Fiese ist, es funktioniert nicht. Mental Load bleibt so unsichtbar wie der Pumuckl, wenn jemand von außen reinkommt. Blitze im Kopf haben nur die, die sie halt haben. Die anderen denken, was hat die denn? So unentspannt wieder?

Was sie hat? Gar nichts. Sie überlegt nur, ob sie schon und wann sie noch, und dass sie muss im Falle von und wer es macht, und was, wenn nicht und wieviel wem oder lieber nicht, und wo es ist und auch bis wann sie dies und das noch braucht, wer noch vielleicht, und welches Tun ist wo und wann erforderlich und was, wenn sie‘s vergisst.

Und das halt gleichzeitig und andauernd. Das ist alles. Alles im Sinne von Mental Load.

Der Mental Load-Pumuckl, wenn Sie ihn erwischen wollen, ist gerne da, wo Feste und Feiern sind. Bei Kindern fühlt er sich wohl, insbesondere an den Schnittstellen von Zuhause und den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen. Sein natürliches Habitat sind Türen von Kitas (Aushänge), Institutions-Chats und Vereins-Apps. Mental Load sucht die Nähe zu Kleidungsstücken und hat ein Faible für Zettel. Der Mental Load-Pumuckl mag Frauen. Leider ist er weniger sympathisch als der echte Pumuckl. Er ist eine Nervensäge.

Achten Sie mal drauf. Sehen werden Sie den Mental Load-Pumuckl wahrscheinlich nicht, aber vielleicht beobachten Sie seine Spuren und seine albernen Streiche.

6 Gedanken zu “Blitze im Kopf

  1. Ich habe das haargenau verstanden und es war gut beschrieben. Vielleicht aber nur für Leute, bei denen bei einer eigentlich einfachen Frage noch ungefähr 218 Prozesse im Hintergrund laufen.

    Mir ist zuletzt aufgefallen, dass ich Nachrichten zu Terminanfragen oft versacken lasse. Vor allem, wenn sie mich betreffen. Mir ist es dann meistens spontane zu anstrengend einen geeigneten Termin zu ermitteln (mit allen Folgeüberlegungen – wer bringt dann das Kind zum Fußball, war da nicht irgendwas von meinem Mann? Am Tag vorher muss ich ja noch den Kuchen backen…), dass ich es auf später verschiebe und dann vergesse.

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  2. Ich weiß nicht, ob es Frau LifeScience tröstet, aber aus meiner
    Erfahrung heraus kann ich ihr versichern, dass sie entsprechende
    Probleme auch hätte, wenn sie nicht Mutter und Lehrerin wäre. Also nicht
    dieselben. Aber entsprechende. Könnte allerdings sein, dass sie mit
    zunehmendem Alter dann doch mal ihr Leben ändern muss, damit es nicht zu
    viel wird. Ich kenne das ewige Argument auch aus dem eigenen Kopf:
    Anderen wird es doch auch nicht zu viel? Dem Mental Load-Pumuckl ist das
    sowas von egal.

    Sylvia Schmieder
    Autorin, Dozentin, Lektorin

    https://sylvia-schmieder.de

    Veranstaltungen


    Das Tagesgedicht auf YouTube:https://www.youtube.com/@dastagesgedicht-qb2dt

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