Shopping in Schwarz

Themenhinweis: Sterben, Trauer

Ein Haufen Leute werden zur bevorstehenden Trauerfeier erwartet. Mit all der Bescheidenheit und des sich Zurücknehmens ist es der Verstorbenen offenbar nicht gelungen, nicht gesehen zu werden. Das ist sehr tröstlich.

So viele Leute schauen dann wohl auf die Angehörigen. Daher ist jetzt Shopping angesagt.

„Sich anziehen” heißt ja immer 3 Leute anziehen, und beim Ehemann auch noch mitgucken, also fast 4.

Nachmittags im Einkaufsladen, die Kinder quengeln, Frau Life Science schleppt den Schulranzen, aber etwas Passendes gibt es heute nicht, und eigentlich muss man schnell zu Thoben rein, zwecks plötzlichem Hunger. So wird das nichts.

Also am Wochenende nochmal los und die Trauerkluft beschaffen für sich und die Kinder, ohne Kinder. Kleider ziehen Schuhe nach sich, und Strumpfhosen, es multipliziert sich alles für alle. Wenn man nur schon fertig wäre.

Und dann sind die angebotenen Klamotten so komisch? Der Körper sowieso. Frau Life Science muss eh schon dauernd überlegen, wieviel bei ihr zu der 40 dazukommen, während sie innerlich in der 20 zuhause ist. Das ist schon Verwirrung genug. Jetzt auch noch wirre Textilien.

Warum ist denn das „Kleid“ so kurz oder ist die “Bluse“ so lang? Wo sitzt denn hier der Bund? Ach so, das passt alles nur mit drei Wäscheklammern, das sieht man ja auch an der Kleiderpuppe da drüben.

Mit Wäscheklammern wird Frau Life Science nicht auflaufen können am Grab. Dann vielleicht doch was Vorhandenes von zuhause nehmen? Ganz im Sinne der Verstorbenen?

Ach, Mama. Klamotten waren auch nicht gerade dein Hobby. Obwohl dir vieles gestanden hat. Der gelbe Minirock vom Foto aus den 70ern, war eine Spur zu flippig fast, warst du das wirklich, aber du sagst, man hatte gar nicht so viel Auswahl.

Deine letzte Bluse, zuhause auf dem Totenbett, hat dir auch gestanden, die hinten durchgeschnitten war. Das war es wert. Du warst es wert.

Im 4. Laden geht es plötzlich in die richtige Richtung für Frau Life Science. Aber wie kombiniert man das jetzt? Sie fragt jüngere Frauen in der Umkleide. Rock, ja – Bluse, NEIN. Das Urteil ist gefällt. Schon im Gehen, reicht ihr die fremde Frau ohne Modebehinderung noch eine Bluse in die Kabine. „Die würde besser passen! Ciao!“

Das man die Bluse auch noch in den Bund reinstecken muss, das verraten zwei junge Verkäuferinnen, die die begonnene Stil-Beratung fortsetzen. Ah ja, reinstecken. Steht das eigentlich auf dem Etikett, oder woher weiß man das? Sieht ja wirklich besser aus.

Beim Bezahlen gibt’s noch ne App obendrauf, dafür kriegt man 20% Rabatt, wer kann da Nein sagen. Ne App zum Einkaufen, das hat Frau Life Science noch gebraucht. Steht da auch drin, was zusammenpasst und was man reinsteckt?

Alles passt in eine Tüte zusammen mit den Kindersachen und Frau Life Science ist froh, als sie alles beisammen hat. Nichts wie nach Hause.

Ein Gedanke zu “Shopping in Schwarz

  1. Ich fürchte, du hast den Mann vergessen. Aber einen schwarzen Schlips hat wohl jeder zu Hause. Trotz des traurigen Anlass wünsche ich eine würdevolle Feier in angemessener Kleidung.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu T.Head Antwort abbrechen