Frau Life Science rannte Montagmittag aus der Sitzung, aber die Vorsitzende war auch schon nicht mehr sitzend. Mit dem Fahrrad des Lifescientisten, denn ihres ist schon lange platt, sauste sie durch den Regen, um das eigene Kind und das befreundete Kind so halbwegs rechtzeitig aus der Kita abzuholen.
Das Playdate war überfällig und es war wegen miserablem Terminmanagement auf Seiten der Frau Life Science schon öfter verschoben worden – es duldete wirklich keinen weiteren Aufschub, auch wenn ein Treffen mit der Babysitterin dafür auch wieder – verschoben – werden musste.
Frau Life Sciences einziges Gehirn teilen sich mindestens 3 Menschen. Ab und zu kollidiert da etwas auf dem Zeitstrahl. Immer schwierig dann.
Der Heimweg dauerte. Es war Schneckenwetter und alle Kriechtierchen mussten einzeln begrüßt werden, fanden die Kinder.
Als sie endlich zuhause waren, fanden sie die Wohnung unzureichend aufgeräumt vor, weil die Familie am Wochenende auf einer Freizeit gewesen war. Ob es dem Gastkind sehr auffallen würde, wie es hier aussah?
Es klingelte es an der Tür. Das war das große Kind. Es hatte außer den vom Regen aufgeweichten Kunstbildern des vergangenen Schuljahres noch einen Freund dabei.
„Farbverlauf“, sagte der Freund schmunzelnd und deutete auf das sich auflösende Filzstiftbild des Forschernachwuchses.
Ob der Freund bitte bleiben dürfe?
Tippelditipp auf dem Handy von Frau Life Science. Sie teilt sich nämlich nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihre Telefonleitung mit mindestens drei Individuen.
Bleiben? Ja? Bis wann? Ok!
Dann klingelte das Handy. Angela war dran, von der anderen Hauswandseite. Als sie Angela (ü 80) ein einziges Mal weggedrückt hatte, war diese gerade Opfer eines Wohnungseinbruches geworden. Seither wird nix mehr weggedrückt.
Bei Angela war dieses Mal nicht eingebrochen worden, aber sie hatte sonst viel zu erzählen. Genau jetzt!
Die großen und kleinen Kinder meldeten sich nebenbei mit neuen Anforderungen zu Wort.
Medienzeit jetzt ja?
Ja!
Wo ist die kleine Diskokugel?
Im Schrank?
Und die Musikbox?
Das Herzmädchen konnte sich nicht so leicht ohne Worte bei der telefonierenden Mama verständlich machen und wusste sich irgendwann einfach nicht mehr anders zu helfen, als auf einen winzigen Zettel von einem winzigen rosa Block in krakeligen Buchstaben „MA MA“ zu schreiben, in zwei Zeilen; den hängte sie als Hilferuf mit Tesa an die Tür ihres kleinen Zimmers.
Der Forschernachwuchs hatte aus der Schule sein Englischbuch mitgebracht und auf den Tisch gelegt. Das Buch „Camden Market“ habe, so gibt ein orangefarbener Zettel Auskunft, einen leichten Wasserschaden (von einem anderen Tag) und müsse gemäß der zu prüfenden ISBN ersetzt werden.
Sonst kein Zeugnis, sagt der Forschernachwuchs. Oder nur eine Kopie.
Weniger als 48 Stunden für eine Buchbestellung? Sauber!
Frau Life Science schickt dann übermorgen kein echtes Kind in die Schule, sondern eine Kopie.
Am Abend kam eine schwarz verschleierte und stark geschminkte Mutter zum Abholen des Spielkindes. Der Lifescientist kam nicht, er hatte eine Abendveranstaltung.
Zum Abendessen gab es Rührei. Mit Sahne drin oder ohne? Jedenfalls mit Tränen. Denn die Kinder konnten sich diesbezüglich nicht einigen.
Der Abend hatte erst angefangen.
Danke! Wieder so ein schöner Einblick mit leichtem Gruseleffekt.
Alles Gute dir und deiner Familie
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