(412) Festhopping

„Ist denn heute nicht irgendwo ein Fest?“ , fragt der Lifescientist bei der Sonntagsplanung. Es ist nämlich die liebste Freizeitbeschäftigung der Familie Life Science, auf öffentlichen Festen abzuhängen. Büchsenwerfen? Wir kommen! Ponyreiten? Stehen schon an! Märchenerzählerin schlägt auf den Gong? Wir sitzen bereits in der ersten Reihe.

In Berlin im Sommer gibt es im Radius von unter fünf Kilometern an jedem Tag des Wochenendes garantiert irgendwo ein familienfreundliches Fest von welcher Organisation auch immer. Was wird gefeiert? Irgendwas halt: Fünfzigjähriges  Jubiläum oder Neueröffnung oder schlicht der Sommer an sich.

Je sozialer die Ausrichtung der feiernden Institution, desto besser gefällt es der Familie Life Science. Es lebe das Ehrenamt! Jemand strickt drei Stunden an zwei fischförmigen Topflappen und verkauft das Ergebnis für vier Euro, die auch noch Spende sind? Geil. Selbstgekochte Apfel-Ingwer-Marmelade für nen schmalen Taler? Her damit. Und noch nen Teller Nudelsalat. Dankeschön! Heute bleibt die Küche kalt und noch besser: sie bleibt sauber. Nicht wahr, Lifescientist?

Gut aufgehoben ist man in Sachen familienfreundlich Festen generell bei der Kirche, doch AWO und Rotes Kreuz lassen sich auch nicht lumpen. Und auch beim Bürgerfest des Bundespräsidenten im Garten des Schloss Bellevue schmeckt das Bier und das Rennen mit den Bobby-Car-Mercedes fetzt. Und nachher kommt Frank-Walter und liest mit Elke ein Bilderbuch vor.

Frank Walter auf dem Weg zu den Festgästen

Ein Highlight im Sachen Sommerfesten 2019 war irgendwo in Friedrichshain, Familie Life Science geriet zufällig hinein. Eine kurze Straße zwischen zwei Häuserblocks war abgesperrt für eine „Fiesta“, wie es genannt wurde. Sämtliche Vergnügungen sind hier „pay as you wish“ oder gleich ganz umsonst. Eis gegen Spende, ältere Kinder tragen es in einer Kühlbox herum. Wer will da meckern, wenn es einem zwischen den Fingern verläuft! Ein Mann steht auf dem Gehweg und rührt beidhändig einen Topf Chili auf offenem Feuer um.

An der Schokokusss-Schleuder versucht der Forschernachwuchs sein Glück und wirft mit Tennisbällen. Nach dem dritten Fehlwurf, die Bälle müssen nicht aufgehoben werden, weist die blonde junge Dame, die die Aktion betreut, der Frau Life Science einen Standpunkt zum Fangen zu. „Der trifft ja eh nie!“, denkt Frau Life Science, stellt sich aber bereitwillig hin. Noch ein Wurf… Katscheng! Es löst sich die Spannung an der Vorrichtung, der Balken kippt nach vorne und ein Schokokuss folgt seiner Flugbahn direkt in Frau Life Sciences Hände. Das Fräulein Schokokuss-Schleuder hatte den Haken ungelegt, mit einer lässigen Handbewegung genau im richtigen Moment, kein Kind würde je daran zweifeln, dass SEIN Tennisball getroffen hat. Die junge Dame lobt den „Treffer“ mit maßvoller Intensität und stempelt sorgfältig die Laufkarte.

Als Familie Life Science Stunden später nach Einkauf etc. noch einmal vorbeikommt, steht die Fräulein Schokokuss-Schleuder immer noch in der Hofeinfahrt und hebt Tennisbälle auf. Frau Life Science sagt es Ihnen ehrlich: mehr als eine Stunde am Stück möchte SIE nicht ehrenamtlich eine Schokokuss-Schleuder betreuen.

Das größte Rätsel bei diesem hingebungsvoll gestalteten Fest ist für Frau Life Science jedoch die Musik, die am Ende der gesperrten Straße aufspielt. Die ist nicht von dieser Welt, und wirkt seltsam aggressiv. Das muss Punk Rock sein, oder?, überlegt Frau Life Science, der Lifescientist weiß es auch nicht. Kleine Kinder, die auf Väterschultern sitzen, tragen bunte Kopfhörer, zur Schonung lautstärkeempfindlicher Ohren.

Tagelang grübelt Frau Life Science darüber nach, wie es gelingen kann, dass sich eine Strasse, und sei die noch so kurz, mit all den Anwohnern darauf einigt, dass auf einer Bühne einen Tag lang und bis in die Nacht solche (!) Musik gespielt wird. Dass man dafür auch noch die Ressourcen bereitstellt. Da muss man einiges an Chili kochen für diese Bühnentechnik!

„Die Punk-Musik-Szene ist eine friedliche Bewegung“, weiß der Hausgast aus eigener Erfahrung. „Friede, Freude, Eierkuchen! Viele trinken keinen Alkohol, sind Vegetarier und Tierschützer. Die Aggressionen werden (ausschließlich) in der Musik rausgelassen und abreagiert“. Aha. Das erklärt jedenfalls den Idealismus-Faktor bei diesem Straßenfest. Die nächste „Fiesta 2020“ in der kleinen Straße in Friedrichshain ist vorgemerkt. Da wird sich Familie Life Science noch einmal unauffällig unter die tätowierten Anwohner mischen.

 

 

Lediglich sogenannte Mittelalterfeste sind nicht der Familie Life Science ihr Ding. Es läuft ihr eiskalt den Rücken herunter bei so viel Durchkommerzialisierung. All die Kutten wirken seltsam übergeworfen und eine wirkliche Begeisterung fürs historische Mittelalter ist keinem abzuspüren. Das Kartenterminal für die elektronische Übermittlung von „Talern“ ist aber stets griffbereit. Und erst die Band – Pardon – die „Spielleyt“! Grenzdebile Anmoderationen werden abgelöst von Dudelsackklängen, von denen Frau Life Science nichts versteht und über die sie daher lieber schweigt.

Als der Forschernachwuchs zuhause sein neu gekauftes mittelalterliches Holz-Schwert mit lilafarbenem Beschlag präsentiert, zeigt der Hausgast auf die Rille auf ganzer Länge der Holzklinge. „Das ist die Blutrinne“, sagt der Geschichtsfan. Oh, schon wieder was gelernt. Aber Blutrinne hin oder her – Mittelalterfeste wird die Familie künftig großräumig meiden.

Büchsenwerfen für 2 Euro, genannt „Taler“. Klingt dann auch nach Spielgeld. Gewinnen kann man nichts.

Mittelalter hin oder her: All major credit cards accepted
Karussell (3 Taler) mit rein mechanischem Antrieb: Kurbel oder Beinkraft.

 

4 Gedanken zu “(412) Festhopping

  1. Haha, also beim letzten Punkt – einem personenangetriebenen Karusell – lasse ich mir die 3 Taler ja wirklich noch gefallen.
    Wie immer ein schöner Einblick in eure Großstadtwelt. =) Liebe Grüße aus dem Sommer-Office in Tropea, Kalabrien (Steckdosenbedingt leider in der Küche, aber mit Blick aufs Meer).

    Liken

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