(421) Begegnungen in der Rathausbibliothek

Da ist diese ältere Dame, sehr gepflegte Erscheinung, die am Ausleihterminal der Rathausbibliothek beiseite tritt. Nein, sie möchte jetzt gar nicht drankommen, sie möchte erstmal sehen, wie das hier geht. Es sei nämlich so: Sie habe einen Schlaganfall erlitten und dass sie überhaupt wieder lesen könne, sei eine Geschichte für sich, und jetzt habe sie sich von der Reha mal eben hier abgeseilt und die drei Bücher ausgesucht, und hier habe sie auch den Ausweis… Aber wie das genau ginge, das wisse sie nicht, oder nicht mehr.

Der Leihausweis der Dame ist andersfarbig als der von Frau Life Science. Muss aus einer anderen Zeit sein: vor Frau Life Sciences Zeit in Berlin, vor dem Schlaganfall der fremden Frau.

Nachdem Frau Life Science ihre eigene Ausleihe abgewickelt hat, versucht sie der Frau zu assistieren. Üblicherweise loggt man sich mit dem Geburtsdatum ins Leihsystem ein. Nach kurzem Überlegen nennt die Frau einen Tag und einen Monat sowie den Jahrgang von Frau Life Sciences eigener Mutter. Ach was, eine Einundvierzigerin!

Der LogIn klappt nicht. Des Datums, das möchte die Dame noch gesagt haben, ist sie sich aber mehr als sicher. Als ob sie nichts anderes mehr so genau wüsste als eben diese Zahlen.

Vielleicht musste man sich letztes Jahr noch mit der Hausnummer, dem Namen des Haustieres oder der Schuhgröße einloggen, wer weiß das schon. Vielleicht ist der Ausweis auch generell ungültig. Zum Info-Stand möchte die Dame jetzt aber nicht gehen. Sie müsse ja zurück zur Reha und überhaupt, alles zu viel. Aber so schade wegen der Bücher!

Ohne lange zu überlegen zieht Frau Life Science die Titel auf ihrem eigenen Ausweis durch. „Geben Sie sie einfach in ein paar Wochen wieder hier ab“, schlägt sie vor. Die Frau ist entzückt. Ach, dass es noch solche Mensch gebe, und ihr Mann würde ganz bestimmt die Bücher bald zurückbringen. Versprochen! Tausend Dank.

Das hätte der Lifescientist nicht gemacht. (Oder doch? Manchmal wundert man sich). Klar, die Frau war in Alltagsdingen nicht optimal orientiert. Kann sein, dass die drei Bücher nie mehr zurückkehren, sondern in irgendeiner Rehaklinik j.w.d. im Abfalleimer landen. In einem solchen Fall muss der Ausweisinhaber sie selbst ersetzen, das weiß Frau Life Science. Aber was ist schon der Wiederbeschaffungswert von drei Taschenbüchern gegen den Jahrgang ihrer Mutter?

Als Frau Life Science später einmal online nachsehen will, welches Buch außer Erich Kästners verschwundener Miniatur die Dame noch ausgewählt hatte, wurde kein Titel aus dem Bereich der Erwachsenenliteratur unter „ausgeliehen“ verzeichnet.

*

Bei einem ihrer weiteren Bibliotheksbesuche sucht Frau Life Science mit dem Kind das kleine Café des Hauses auf, wo allzu leicht wiederzuerkennende Muffins aus dem nahe gelegenen Discounter mit saftigem Aufpreis weiterverkauft und das Sortiment mit bunt belegten Vollkornbrot-Sandwiches ergänzt wird, die jeweils eine als dekorativ gedachte Paketschnurschleife zusammenhält. Es scheint also vieles möglich in diesem Café, außer Kartenzahlung. Eine hübsche Frau mit Kopftuch und Kinderwagen muss aus eben diesem Grund ohne Heißgetränk vom Tresen gehen. Running out of cash – eine Situation, die Frau Life Science nur zu gut  aus eigener Erfahrung kennt: Was? Man kann drei Luftballons nicht mit Karte bezahlen? Mist!

„Darf ich sie auf einen Kaffee einladen?“, fragt Frau Life Science die Frau spontan. Die Gefragte willigt ebenso spontan ein und es wird nicht nur der Kaffee gemeinschaftlich bezahlt, sondern logischerweise auch so getrunken. Frau Life Science hatte zunächst vermutet, die Dame sei vielleicht eine „Dependent Spouse“ von irgendeinem hochqualifizierten Expat, der irgendetwas Wichtiges in Berlin zu schaffen hat. Sie hatte so eine Ausstrahlung von „kompetent im Ausland“, etwas das Frau Life Science selbst ja immer völlig abging. Jedoch ist sie alleinerziehende Flüchtlingsmutter. Die Frau erzählt in vermutlich hart erarbeitetem und gut verständlichem Deutsch, wie sie über Schweden nach Deutschland kam und was sie als Mutter von inzwischen vier Kindern in der fremden Heimat bewegt.

Der Forschernachwuchs findet das überhaupt nicht lustig, dass sich Frau Life Science mit einer fremden Frau in der Bibliothek festquatscht, wo das doch sonst immer Mutter-Sohn-Zeit ist. Er spuckt Kuchen, muss mit einem weiteren Smarties-Muffin ruhig gestellt werden, von dem er nur dass Topping isst, und muss zwischendurch wenigstens kurz etwas vorgelesen bekommen.

Beide Begegnungen, die Frau, deren Lesestoff auf Frau Life Sciences Ausleihkonto vorübergehend gastierte und die Dame mit der bewegten Lebensgeschichte bereicherten Frau Life Science jeweils auf ihre eigene Art. So ein kleines Helfersyndrömchen kann sich jeder leisten und es macht froh. 

 

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Schnöder Technikkasten hier als „Bücherregal“ vor einer Berliner Baustelle

4 Gedanken zu “(421) Begegnungen in der Rathausbibliothek

  1. Helfersyndrömchen? Eher Herzaufmachermomentchen, oder? Mit dieser Wirkung bei mir jedenfalls gerade!😊Schön zu hören, dass es noch andere so spontan liebe Verrückte gibt! Herzlichen Gruß nach Berlin, Sarah

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    1. Haha, Danke, Sarah!
      Ich bin da unverbesserlich. Habe auch schon in NYC einem Fremden vor dem Drogeriemarkt mein iPhone geliehen, der dann an eben diesem ein ausschweifendes Privatgespräch vom Zaun brach, bis ich (dumm daneben stehend) wütend wurde und es ihm mehr oder weniger vom Ohr reißen musste.

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    1. Soziale Teilhabe am Beispiel Stadtbibliothek… Kann ich nur unterschreiben.
      Meine Bibliothek setzt noch eins drauf: sie verleiht 90 Grafiken und 10 Kleinplastiken an interessierte Besucher zum mit nach Hause nehmen. Die Kunstwerke kann man innerhalb seiner Leihffrist über dem privaten Sofa platzieren – und sitzend auf demselben „Utopia“ lesen.

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