(444) Kontaktperson einer Kontaktperson sein in Kontaktpersonenstadt

Frau Life Science muss gestehen: Sie ist im Corona-Fieber. Sie checkt mehrmals täglich die Fallzahlen. Berlin, Baden-Württemberg, Deutschland, Welt. Sie kann nicht anders.

Letzen Sonntag hat es angefangen. Die neuesten Zahlen in den Nachrichten. Exponentielles Wachstum ganz lebensnah, man muss kein Mathe-Genie sein. Frau Life Science war gepackt. In Berlin gab es noch keinen Fall, was sich am Montag änderte und schon am Dienstag hatte das Corona-Virus Familie Life Science erreicht. Keine zehn Infektionen in Berlin, aber der Lifescientist war schon Kontaktperson einer Kontaktperson. Der Freddy! Wer war das überhaupt? Nie gehört. Jedenfalls verabschiedete  sich Freddy für zwei Wochen in häusliche Corontäne, wo er übrigens immer noch weilt.

Was, wenn Freddy nicht nur Kontaktperson, sondern auch selbst infiziert wäre? Ganz unrealistisch schien es nicht, wenn man  sich die Umstände so ansah. Der Lifescientist wäre dann ganz unvermittelt selbst zur Kontaktperson „aufgestiegen“. Wohl hätte eine mögliche Ansteckung durch Freddy bei seiner Konstitution vermutlich gut überlebt, genauso wie Frau Life Science und das Kind und natürlich Freddy selbst. Mit oder ohne Symptome hätte der Lifescientist aber seine zwei Wochen in Corontäne gemusst. Wie alle eben.

Nun ist es noch nicht nachgewiesen, dass sich die Erde auch weiter dreht, wenn der Lifescientist zwei Wochen zuhause bleibt, aber es ist anzunehmen. Erst recht, wenn er Zugriff auf seinen dienstlichen Computer hat. Eine häusliche Corontäne mit einem Mikrobiologen stellt sich Frau Life Science dennoch anstrengend vor. „Schatz, du kannst jetzt Mittagessen kommen, wir sind fertig und verlassen das Zimmer!“ „OK, Danke, ich komme gleich. Desinfiziere nur eben die Türklinke“.

Der Kelch ging an der Familie vorüber. Die Sachlage klärte sich spätabends. Frau Life Science  hatte den alternativen Schlafplatz im Gästezimmer umsonst vorbereitet, der Lifescientist kroch ins eigene Bett. 

Ebenfalls am Dienstag hängte Frau Life Science am Arbeitsplatz Kindergruppe, wo sie zurzeit dienstags und donnerstags pseudomäßig die Chefin markiert, weil die echte Chefin längerfristig  (bekanntermaßen nicht an Corona) erkrankt ist, einen Zetteln an die Tür: Die Kinder mögen bei Ankunft die Hände waschen, dann losspielen. Wenn´s der Gesundheitsminister sagt, das Robert-Koch-Institut und das Heute-Journal,  kann es so falsch nicht sein. Eine konkrete Handlungsempfehlung von irgendwem gab es jedoch nicht. Man kann mit den Kindern auch in so einer Zeit machen, was man will. Mit der S-Bahn einen Ausflug zum Flughafen unternehmen und absichtlich Haltestangen abschlecken. Pädagogische Freiheit. Die Einrichtung schließen oder Erzieherinnen aus dem Verkehr ziehen, kann man ja hinterher immer noch. Ein ungleich schwererer Eingriff! Es gibt keine Vorschrift wie: „Achten sie bei ihren Schutzbefohlenen besonders jetzt auf gründliches Händewaschen, bei Ankunft, vor dem Essen und nach Ausflügen und unterschreiben sie, wenn sie das gelesen haben“.

Es ist auch bemerkenswert, welche umfangreiche Fachkenntnis in so einer Elternschaft einer Kindergruppe vorliegt. Das ahnt man ja gar nicht, ehe es am konkreten Beispiel zur Sprache kommt! Corona? Allgemeines Bescheid wissen ist die Regel. Epidemiologie, Pandemiologie, Virologie – die Expertise scheint enorm. „Das ist doch wie….“ „Das war doch auch so, als… “ „Es ist ja immer, wenn…“
Quasi Schwarmwissen! Man hat so seine Meinung, und wenn nicht, legt man sich schnell eine zu. Die sogenannten Experten der anerkannten Institutionen sind irgendwie alle gerade am Lernen – dabei sie könnten doch einfach die Eltern fragen. 

Erkenntnis und Verhaltensänderung. Sehr spannend. Keiner möchte dem anderen Vorschriften machen. Wasch du doch mal bitte die Hände! Keiner möchte eine ausgestreckte Hand des anderen zur Begrüßung abschlagen. „Äh nein, heute kein Hände schütteln! Mit dir nicht!“
Doch wenn alle mitmachen, dann ist es wieder lustig. Der Vater von Frau Life Science berichtet von einer kürzlich stattgefundenen Seniorenveranstaltung. (Dürfen sich Menschen über 70 überhaupt noch irgendwo treffen? Männliche auch noch! ) Jedenfalls stupsten sich alle notgedrungen mit dem Ellenbogen zur Begrüßung. „Eine Riesengaudi!“, meinte der Senior.

An Ostern soll mit vier Jahren Verspätung der Forschernachwuchs in Berlin getauft werden. Keine Großveranstaltung. Dennoch muss die nächsten Wochen noch einiges an Glück zusammenkommen, dass alles so stattfinden kann, wie es geplant ist. Die ICEs müssen die Paten rechtzeitig herankarren, die Pfarrerin darf nicht Kontaktperson von den falschen Leuten sein, der Wirt muss kochen dürfen, Hotels und Unterkünfte sollten nicht abgeriegelt und auch Frau Life Science darf nicht unversehens in Corontäne geraten. Sie wäre ja schon gerne dabei! Ganz zu schweigen vom Forschernachwuchs, der seit gestern… hustet! Bitte sagen Sie es nicht weiter!

Frau Life Science dachte bisher, das größte Risiko für das Scheitern der bevorstehenden Kasualie wäre, dass der eigenwillige Forschernachwuchs nicht nass werden möchte und auf eine Trockentaufe besteht. Vielleicht lässt sich das in Zeiten von Corona ja arrangieren? Wäre zwar einmalig in der Geschichte des Christentums und als historisch zu betrachten, aber historisch ist Corona ja auch.

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “(444) Kontaktperson einer Kontaktperson sein in Kontaktpersonenstadt

  1. Liebe Rena,
    auch wenn dieser Beitrag von dir inzwischen schon wieder von den aktuellsten Entwicklungen überholt sein dürfte (Fallzahlen vervielfacht, Kita zu, selbst von Trockentaufen wird abgeraten) habe ich ihn gestern mit meiner Familie geteilt. Nicht nur Patrik, auch meine Mutter waren begeistert. Humor tut ja gut, momentan.
    Bei uns ist alles ok., wir wissen allerdings nicht, ob und wann unsere Kurse so stattfinden werden.
    Euch dreien alles Gute und einen schönen Frühling, trotz allem oder gerade jetzt!
    Sylvia

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