Unalltägliches

Stell dir vor es ist Ansprache und keiner hört zu 
Steffi teilt in  der WhatsApp-Gruppe „Erzieherinnen2000“ das Youtube-Video einer Ansprache des Ministerpräsidenten Baden-Württembergs zum unvermeidlichen Thema, das nicht mehr genannt werden muss. Das Video erschien wohl am Freitag. Da Frau Life Sciences betagte Eltern trotz regelmäßiger Zurkenntnisnahme der Nachrichtenlage von der Ansprache nichts mitbekommen haben, schickt Frau Life Science das PDF-Script als Fax zu ihnen. Sie haben die ganze Problematik ohnehin noch nicht vollumfänglich erfasst (Nicht jeder hat schon den Schuss gehört, und nicht jeder hört denselben).

Es ist aber doch bemerkenswert, dass Steffi aus Ottenheim dem Ministerpräsidenten – via WhatsApp, über Berlin und unter Zuhilfenahme von Youtube – beim Verbreiten der Ansprache an den Personenkreis helfen muss, den die Sachlage maximal betrifft. Gezielte Kommunikation mit der Bevölkerung geht anders.

Fake News 
Wenn relevante Informationen heutzutage solche verschlungene Wege gehen, muss man sich aber auch nicht wundern, dass Menschen in Sachen Viruskrise auch wieder Fake News aufsitzen. Eine deutsche Freundin aus New York schickt Frau Life Science eine Audio-Datei, in der irgendeine Frau, Kindergeräusche im Hintergrund, von Forschungen der Uni Wien berichtet, dass Ibuprofen und die neue Virusinfektion zusammenhänge, wer Ibuprofen genommen habe, werde eher krank, so ungefähr. Man möge diese Information doch bitte teilen.

Als Ehefrau eines Wissenschaftlers kann Frau Life Science nur sagen: Genau so läuft Forschung! Bedeutsame Ergebnisse, die aus genau einem, sehr schlichten Sachverhalt bestehen, werden als Sprachnachricht über WhatsApp weitergereicht. In privaten Kreisen.

Trockentaufe
Die Trockentaufe des Forschernachwuchses in Berlin ist verschoben. Während sie bis vor relativ wenigen Tagen als möglicherweise auf der Kippe stehend schien, muss jetzt als komplett unrealistisch betrachtet werden. Mit der Pfarrerin hat Frau Life Science sich noch nicht über den allerneuesten Stand ausgetauscht, aber es ist sowieso klar. Es muss jetzt nur noch eine von beiden aussprechen.
Die Sache ist verkraftbar. Man hat die Veranstaltung vier Jahre verschoben und kann sie daher auch noch weiter hinauszögern. Taufe hin oder her: Dieses Kind liebt Gott auch so.

Corona-Erkenntnistag
Am vergangenen Freitag, dem bundesweiten Corona-Erkenntnistag, der nur ein 13. sein konnte, fuhr Frau Life Science mit der BVG Richtung coolem Osten, wo sie sich in einem Regalfach-Laden eingemietet und Kunsthandwerk angeboten hatte. Sie hat solche Dinge früher gerne gemacht und wollte das in Berlin ausprobieren. Zeit hat sie ja. War nicht so erfolgreich, ist aber auch wurscht.
Da sich der Mietvertrag bei Nichtabholen der Ware monatlich verlängert, sah Frau Life Science die Zeit gekommen, vertragliche Bindungen mit solchen Leuten zu lösen, die schon im normalen Leben bei jeder Interaktion nerven und nicht wissen, wie Kooperation geht. Frau Life Science fühlt sich erleichtert. Es war ein reines Spaß-Projekt, bei dem der Spaß fehlte, schon vor Corona.

Gefühlsäußerungen
Es bricht etwas auf in den Menschen in dieser Zeit. Sie öffnen sich, zeigen mehr Gefühle, machen sich verletzlich. Vielleicht der Frühling, vielleicht die aktuelle Lage, oder beides.
Auf dem Weg zum Regalfach-Laden bremst ein Fahrradfahrer neben ihr, durchaus nicht unsympathisch, spricht Frau Life Science an und teilt ihr mit, er wünsche, sie bei irgendeinem Getränk in Bälde einmal einfach so kennen zu lernen.
Das gibt’s bei anderen Menschen vielleicht öfter, Frau Life Sciences auffallend hübscher Mitmutter, mit deren Sohn sie versucht, die Kita-Schließzeit zu überstehen, passiert es möglicherweise täglich. Frau Life Science jedoch kann sich in ihren 40 Lebensjahren an so einen Vorgang nicht erinnern: Mit dem Fahrrad abbremsen und sie zum Drink einladen. „Bin ich Heidi Klum, oder was?“, fragt sich Frau Life Science. Sie teilt dem jungen Mann mit, das mit dem Treffen sei jetzt unpassend wegen Corona. Erst auf weiteres Nachfragen fällt ihr ein, dass sie verheiratet ist.
Man möge Frau Life Science die falsche Reihenfolge verzeihen, und nicht mehr hineininterpretieren, als dass sie einfach keine Übung hat in Social Distancing.

 

 

Das Taufkerze, gestaltet in familiärer Gemeinschaftsarbeit; Rückseite. Datum ist nur aufgeklebt. Lässt sich leicht ändern.

 

 

 

2 Gedanken zu “Unalltägliches

  1. Das ist aber eine interessante Wortschöpfung „Corona-Erkenntnistag“ (die Umstände sind jetzt nicht so schön), den gab es auch bei uns in Québec, obwohl es sich schon am Vortag abzeichnete. Zwar wurden wir schon seit Wochen auf diese Möglichkeit vorbereitet, aber nun werde ich wohl vorerst von zu Hause arbeiten. Leider muss man die meisten Leute auch dazu zwingen, sonst sehen sie einfach nicht ein, dass irgendetwas getan werden muss. Bei uns ist nun wirklich alles geschlossen und eigentlich kann man nun nicht mehr tun als abwarten, was wir dann mal tun werden. Unsere Familie lebt in NRW und da ist es wirklich schon ganz schlimm, so dass wir bereits eine Menge Leute kennen, die mehr oder weniger betroffen sind. Auch unsere Reise im Juni nach Deutschland ist nun ungewiss, wir werden also abwarten und hoffen, dass die Massnahmen Erfolg zeigen…wie alle anderen auch.

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