Herzlich willkommen im Aquarium

Schummriges Licht. Es gluckert und blubbert stetig in diesem wohnzimmergrossen Raum mit der Schiebetür. Die Einrichtung besteht aus Inkubatoren für die Frühchen, mit Glashaube, die oft zugedeckt wird, und offenen Wärmebettchen. An der Rückwand hinter jedem Liegeplatz: die individuelle Schaltzentrale. Blinkende Lichtchen, Knöpfe, Hähne, Auslässe und Steckdosen in großer Zahl. Je ein Überwachungsbildschirm mit übereinander gestapelten Zickzack-Kurven. Von der Wand zu jedem Kind führend: Schlauchsalat.

Schwestern in blauen Kitteln, gelegentlich das eine oder andere Elternteil, das seinen routinierten Handgriffen nachgeht. In diesem Raum rennt keiner. Keiner spricht laut. Ab und zu das Piepsen eines Alarms. Da ist mal wieder ein Sensor abgerutscht. Ein musikalischer Vater summt sehr, sehr leise „Somewhere Over the Rainbow“ in tiefstem Bass.

In einem der Wärmebettchen liegt ein schwarzhaariges Menschlein, das ohne das Aquarium, ohne die Schaltzentrale, kein Mensch auf Dauer am Leben halten könnte. Ein defektes Herz ist ein defektes Herz. Auch wenn sich die genaue Diagnose schon mehrfach geändert hat. Frau Life Science hat ihre lebenslange Verantwortung für dieses Kind vorerst an das Aquarium übertragen und ist einfach nur froh, dass es diesen Ort gibt.

Sie erreichen das Aquarium zu Fuss oder unmittelbar postoperational – in einem rollenden Bett. Dafür gibt es extra Personal. Bettenschieber, die man über die Schwester oder die Klingel buchen kann. In einem maximal hochgepumpten Bett fühlen Sie sich wie die Königin von Saba, wenn man Sie von einem Stockwerk ins andere transportiert. Bis der Bettenschieber über eine Schwelle holpert oder an eine Ecke stößt. Dann sind sie wieder die Wöchnerin mit der schmerzenden Narbe.

Ob Sie im Bett erscheinen oder schon sehr bald auf eigenen Beinen hingelangen, im Aquarium überkommt Sie eine bleierne Müdigkeit, je länger sie dort sind. Mit einem schlafenden Kind auf der Brust, mit diesem Geräuschteppich und mit den von Milch pumpen unterbrochenen Nächten können Sie bald nur noch eins, selber mit wegdämmern.

Macht aber nichts, die Regie haben hier Menschen, die wach im Kopf sind. Immer, wenn Sie eintreffen, meldet sich früher oder später eine Frau bei Ihnen: „Guten Tag, nein Name ist XXX“, ich betreue heute Ihr Kind. Das klingt immer wie eine Verheißung. Bezugspflege vom Aufgang der Sonne, bis sie wieder untergeht.

Aber nehmen Sie dieses „heute“ nicht so ernst. Es heißt „heute bis Schichtwechsel“ oder „heute bis Ihr Kind unerwartet in das andere Aquarium drei Stockwerke höher verlegt wird“ oder es heißt „heute auch“. Den Satz „Ich betreue heute Ihr Kind“ werden Sie jedenfalls öfter hören.

Aber Sie sagen „Guten Morgen“ und „Freut mich!“, denn Sie freuen sich wirklich, das heute, morgen und übermorgen irgendjemand da ist, egal wer, aber jemand, der weiß, was die Kurven bedeuten, wo die Schläuche hinführen und wie viel Milch das Kind kriegen soll.

Kein Baby-to-go…

Aber Hauptsache, es hat keine Schmerzen, keine schlechten Werte und kann das tun, was neu geborene Babys sowieso tun müssen: rumliegen und schlafen. In der nächsten Woche steht kein Eingriff an. Dann sehen die Ärzte weiter.

„Liebes Kontakt-Tagebuch! Das wären so grob die heutigen Kontakte im Aquarium. Nicht abgebildet: die Musikpädagogin, die Ärzte, die Schwestern von der Wöchnerinnen-Station, die Zimmernachbarin und ihr Verlobter, das Reinigungsteam und die Bettenschieber sowie medizinische Famulantin und die, die immer das Essen ausgeben.“

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