Fernbeziehung

Es ist erst eine Woche her, da haben Frau Life Science und das schwarzhaarige Herzmädchen denselben Körper bewohnt, mittlerweile führen Sie eine Fernbeziehung. In der ersten Phase ihrer Entfernung fand man beide wenigstens noch unter derselben Hausnummer, wenn auch nicht hinter derselben Stationstür. Inzwischen halten sie sich gar in verschiedenen Postleitzahlenbereichen auf, denn Frau Life Science ist aus dem Krankenhaus entlassen worden – aus Gründen mangelnder Behandlungsbedürftigkeit. Sie ist topfit und außer einem Baby-to-go fehlt ihr gar nichts.

„Vermisst du die Kleine denn nicht ganz irre?“, fragen manche. Ja und nein, denkt sich Frau Life Science, denn ihre Bindung entsteht ja gerade erst. Nach der Geburt schockverliebt ins Kind zu sein, davon berichten zwar viele, war aber nie so ihrs. Typisch Kaiserschnittmutter? Vielleicht.
Liebe wächst wie ein Baum, nicht wie Stangenbohnen. Frau Life Science vermisst am allermeisten: unbegrenzt Zeit und Raum, ihr Kind wirklich kennenzulernen.

Ohnehin scheint es gar nicht vorstellbar, dass das schwarzhaarige Herzmädchen im Hause Life Science wohnen könnte, so klein wirkt sie. So klein, als ob sie in einem normalen Haushalt gar nicht leben könnte, als drohe sie irgendwie durch die Ritzen zu gleiten. Auf Station gilt sie allerdings als „großes Mädchen“ – unter all den Frühchen, die auch dort residieren.

„Sie können immer anrufen“, sagen die Schwestern. „Natürlich auch nachts. Sie stören nie“. Frau Life Science hat die Telefonnummer unter „Haariges Herzmädchen, Aquarium 44“ abgespeichert. Und das Aquarium ruft auch selbst an, wenn etwas ist.

Was bleibt in so einer Situation? Die kleine gelbe Freundin namens Medela Symphony, mit der sich Frau Life Science jetzt regelmäßig verabredet. So alle drei Stunden, natürlich auch nachts. Und diese Freundin entlockt ihr mit stumpfer Geduld all ihre Schuldgefühle, all ihre Sorge, nicht da zu sein, alle Zukunfstängste und verwandelt sie in einen vanillefarbenen Shake.

Diesen gibt Frau Life Science in kleine skalierte Behälter und stapelt sie im Kühlschrank, feinsäuberlich beschriftet mit Datum und Uhrzeit. Einmal am Tag bringt sie sie mit einer blauen Kühltasche in die Klinik. Abgabestelle ist die Milchküche im Keller. Im Betriebsbereich, quasi hinter den Kulissen der Klinik, kaum zu finden, und nicht ausgeschildert, obwohl alle betroffenen Mütter früher oder später mal dort hinmüssen. Zwischen Paletten und Tanks, hupenden Elektrofahrzeugen, Wäschewägen und Essenscontainern, neben aufgereihten Inkubatoren, irgendwo zwischen Bereichen „rein“ und „unrein“ geht´s an einer Stelle links, dann an der beringten Schnur ziehen. Tür öffnet sich, Hände desinfizieren, Milch abstellen, Hände noch einmal desinfizieren, so ist das Protokoll. Neue Fläschchen einstecken. Die Damen mit Hauben und Kittel nehmen die Milch an, reinigen die Flaschen von außen, kühlen sie und nach Ablauf von 24 Stunden frieren sie sie ein, falls noch nicht aufgebraucht. Nach Vorschrift der ÄrztInnen mischen sie gegebenenfalls Medikamente darunter und sie schicken sie punktgenau und bedarfsgerecht auf die Station.

Zu diesem Zweck gibt es so eine abgefahrene Rohrpost, die war auch schon auf der Wöchnerinnen-Station in Aktion. Letzte Woche hat Frau Life Science damit die Milch mililiterweise direkt ins Aquarium rüberschießen lassen und erntete dafür von den Schwestern höchste Anerkennung. Im Loben und Preisen kleinster Milchmengen ist das Personal mit allen Wassern gewaschen.

Es fehlt nicht mehr viel, dann kann das schwarzhaarige Herzmädchen, zumindest was die Ernährung betrifft, allein aus Frau Life Science heraus leben. „Die Muttermilch hergeben, das ist etwas was nur SIE allein und niemand sonst für Ihr Kind tun können“, sagt die Stillberaterin. „Auf SIE“ kommt es an.“

Das flüssige Verbindungsband. Wenn man sonst nichts hat….

Anmerkung 1
Frau Life Science will hier keinen übertriebenen Muttermilchkult feiern, oder auf Frauen zeigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht stillen. Es kommt immer alles auf die Situation an.

Anmerkung 2
Es geht hier, wie Sie lesen, inzwischen zunehmend geburtshilflich, neonatologisch, kardiologisch, hebammenhaft und sonst wie zu. Sie müssen dieser Entwicklung ja nicht leserisch folgen. Frau Life Science ist es klar: manche springen ab, andere kommen vielleicht hinzu. Darum an dieser Stelle: Herzliche Aus- und Einladung und: Auf Wiederlesen.

4 Gedanken zu “Fernbeziehung

  1. Hallo Frau life-science, vielen Dank für deine sehr gut geschriebenen und berührenden Beiträge. Ich würde mir wünschen, dass ihr bald aus diesem Traum aufwacht und alles gut sein wird. Falls nicht, viel Kraft, Durchhaltevermögen, Zuversicht und gute Ärzte. Ich drücke euch täglich die Daumen.
    Nach der Geburt meiner Tochter ging es mir etwas ähnlich wie dir. Mir wurde ein Glücksgefühl wie zwei Sonnenaufgänge in den Bergen versprochen, jedoch war ich nach der Geburt so fertig, dass ich nur noch schlafen wollte und es gut aushalten konnte, dass meine Tochter zwei Nächte zur Beobachtung im Schwesternzimmer war.
    Liebe Grüße aus Freiburg

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  2. Ich umarme Sie herzlich und wünsche Ihnen Mut und Kraft. Vorallem dass das kleine Herzensmädchen bald gesund bei Ihnen und ihrem Bruder und Papa wohnen darf. Ihre Texte sind grandios, Sie sind eine begnadete Autorin. Vielen vielen Dank, dass Sie unter so schmerzlichen Umständen Ihre jetzige Welt in Worte fassen können. Ich fühle sehr mit Ihnen und habe Hochachtung vor Ihnen.

    Gefällt 2 Personen

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