Geltende Ungültigkeit

Apotheken waren ja früher immer Orte beständiger Ernsthaftigkeit gewesen. Nun hat man sich an völlig neue Zustände gewöhnt. In der Pandemie lernt Deutschland improvisieren.

Hier im Kiez zum Beispiel: Mitten auf dem Gehweg, deutlich entfernt von der verantwortlichen Apotheke, steht eine klappbare Tischtennisplatte für Kinder, besser gesagt, eine Hälfte davon. Auf die andere Plattenhälfte trifft man erst am Ende eines Parcours, den ein windschiefer Pavillon markiert, in dem eine verkleidete Apothekerin raschelnd herumschleicht zwecks Gewinnung von Nasenschleim bei den Bürgern von Lichterfelde.

Die erste halbe Tischtennisplatte bildet den offiziellen Startpunkt. Sie ist dekoriert mit einem Coca-Cola-Becher, der genau einen Kuli darbietet, und einem gesonderten Becher mit der Aufschrift „benutzt“, der einen Strauß voller bunt gemischter Stifte enthält. Daneben einige Stapel Vordrucke in Plastikhüllen.

Zwischen Tischtennisplatte und Zelt: in pandemischer Demut und korrektem Abstand anstehende Kiezbewohner. Sie folgen den mit Straßenkreide aufgemalten Befehlen.

Es funktioniert alles gut und schnell, auch wenn es so aussieht, als organisierten Kinder einen Spielzeug-Flohmarkt in der Hofeinfahrt.

Pandemiebewältigung als Provisorium. Als Frau Life Science zuletzt in der alten Heimat ein Straßenschild mit der Aufschrift „Testzentrum“ vorfand, eingegliedert in den kleinstädtischen Schilderwald, aus beschichtetem Material und von der Strassenmeisterei sachgemäß am Pfahl beim Kreisverkehr verschraubt, war ihr das aber auch nicht recht. Soll denn unser aller Pandemie so lange dauern, dass wir die ausschildern müssen wie eine KFZ-Zulassungsstelle oder ein Flughafen? Reicht nicht Straßenkreide?

Die an solchen und ähnlichen Orten vollzogenen Tests sind inzwischen ja 24 Stunden „gültig“, beispielsweise für den Einkauf im Berliner Einzelhandel oder den Frisörbesuch. Das heißt, sie sind 24 Stunden gültig in ihrer generellen Ungültigkeit.

Denn während Politik, Medien und die Wissenschaft lange den Eindruck erweckt (oder zumindest nicht nicht getrübt hatten), man sei einige Stunden nach ein einem korrekt durchgeführten Test mit negativem Ergebnis nahezu (!) sicher nicht sehr ansteckend, muss man inzwischen von ganz anderen Maßstäben ausgehen und es kann eben auch mal spektakulär schiefgehen.

Würden Sie einen Schwangerschaftstest kaufen, der in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft eher mal nicht anschlägt, sondern erst dann, wenn Sie bereits einen dicken Bauch haben? Und wenn er dafür hier und da mal eine Schwangerschaft bei Ihrem Mann anzeigen würde? Kein ganz so guter Deal, oder?

Es ist nicht die erste Enttäuschung in der Pandemie aber keine unbedeutende. Frau Life Science hatte für sich nach dem Aufkommen der Schnell- und Selbsttests privat die Pandemie schon fast abgeschafft und betrachtete Tests als „Impfung für einen Tag.“ Zumindest, wenn das Gegenüber mitspielte. Apropos mitspielen: Es war eine Schutzmaßnahme, die Kinder einschloss.

Natürlich kann und sollte man weiter testen. Nur viel mehr Freiheit im Privaten bringt es offenbar nicht.

Neulich erhielt Frau Life Science eine Mail im einer ganz anderen Sache. Sie hatte einen Baby-Spielbogen online bestellt, dessen Nutzung dem Hersteller inzwischen lebensbedrohlich erschien. Sie möge das Gerät doch bitte zurückschicken. Frau Life Science prüfte die verdächtige Stelle und behielt den Bogen.

Die genannten Antigen-Tests werden aber nach wie vor mit der Angabe „95-prozentiger“ Sensitivität in Apotheken und Discountern verkauft oder vor Apotheken durchgeführt, ohne besonderen Hinweis auf die Erkenntnislage. Keine Sondersendung, kein Talk bei Willner und generell wenig Presse. Genaueres erfahren Sie hinter der Bezahlschranke oder beim Regionalsender Ihres Vertrauens.

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