Glück im Winkel

Wo man coronazutage immer schon mindestens 10 Tage vorher wissen muss, ob man am Nachmittag ins Freibad möchte und wenn ja, mit wem, die Wettervorhersage aber keine zehn Stunden stimmt, da muss Pop-up-Privatwasser her.

Im Innenhof der Life Science-Residenz ist eine halb-öffentliche Wiese und jede Menge Platz für ein Planschbecken. Nur kein Wasser da unten. Oben schon! Wie viele Gießkannen braucht man eigentlich, um ein Planschbecken zu füllen? Und wer aus der Familie rennt so oft durchs Treppenhaus?

Nix da! Wozu gibt´s denn Gartenschläuche? Frau Life Science geht in den Baumarkt, führt unbeholfene Modellrechnungen über die eventuell benötigten Schlauchlänge von 1. OG bis Wiese durch, und nimmt dann einfach 30 Meter, weil sie sowieso nicht teurer sind.

Falls Sie überlegen, sich einen 30 Meter langen Gartenschlauch zuzulegen… Die Handhabung von 30 Metern Gummirohr ist eine Unmöglichkeit, die Frau Life Science nur mit einer einzigen anderen materialphysikalischen Grenzerfahrung vergleichen möchte: Dem Nachfüllen eines Stillkissens mit Styropor-Kügelchen aus dem Onlinehandel anno 2015. Würde sie in der Wohnung immer noch wohnen, würde sie sicher immer noch täglich weiße Bällchen finden.

Wer einen 30 Meter langen Schlauch nicht nur anschauen, sondern auch zu verwenden gedenkt, der hat eigentlich nur eine Möglichkeit: Küchenschere holen und ihn in zwei Teile schneiden. Anders werden sie der Sache nicht Herr oder Frau. Gut, so ein Schlauchwagen wäre vielleicht noch gegangen, nicht umsonst wurden solche im Baumarkt verkauft. Aber wir sind ja hier nicht bei der Feuerwehr. Wir bereiten lediglich einen Planschnachmittag vor.

Frau Life Science hantiert mit den rätselhaften Adaptern und Endstücken, die ihr der schlecht maskierter Baumarktmitarbeiter für ihren Fall empfohlen hatte – und sie versteht gar nichts. Wie soll das da??? Und… Hä?
Erst eine Online-Recherche klärt auf, dass die Armatur an ihrer Badewanne nicht aus einem Guss ist, sondern einen abschraubbaren Perlator besitzt – so wie jeder andere Haushaltswasserhahn. Zu ihrer eigenen Überraschung findet Frau Life Science eine ramponierte Rohrzange im Werkzeugkoffer, die ihre Aufgabe erfüllt. Ohne Perlator fügen sich alle Teile sinnvoll zusammen und es ergeben eine fast dichte Wasserzufuhr.

Das andere Ende des Schlauches samt Brause wirft Frau Life Science aus dem Fenster. Es schrabbt an der Fassade, hoffentlich wird Frau K. wie Kurzangebunden davon nicht nervös. Jetzt Wasserhahn aufdrehen und die Anlage gleich unten testen – es funktioniert.

Da baumelt also ein Schlauch von der Hauswand, das rasch aufgeblasene Becken füllt sich mit Wasser und der Forschernachwuchs badet den Nachmittag bet in lustiger Gesellschaft. Frau K. kommt am ganzen Gelage vorbei und grüßt freundlicher denn je. Sie kann es einfach nicht verbergen, dass sie Kinder mag. Als die Life Sciences nach oben gehen, weil ihr Besuch gegangen ist, übernehmen ältere Nachbarsmädchen das Wasser samt der darin schwimmenden Birkenfuzzel und man hört sie noch lange unten schreien und johlen.

Später helfen die Nachbarseltern, nicht ohne sich artig für die Nutzung der Birkensuppe zu bedanken, beim Abbau des ganzen Arrangements. „Bin Krankenschwester“, sagt die eine selbstbewusst, als sie alleine das volle Becken umwuchtet.

Das Wasser versickert im gelblichen Gras. Im Innenhof ist Stille eingekehrt. Die Luft ist lau, aus der Gartenkolonie dringt Grillgeruch.

An den Mietverhältnissen in diesen Häusern ist manches desolat. Die gesichtslose Immobiliengesellschaft macht nicht nur den Life Sciences Freude. Und eigentlich würde Frau Life Science auch gerne woanders wohnen. Obwohl – nein, anders vielleicht schon, aber nicht wo-anders.

Ein schattiger Innenhof, ein Rasen, den jemand anderes schon gemäht hat und entspannte Nachbarn:

unbezahlbar.

3 Gedanken zu “Glück im Winkel

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