Mit dem Herzmädchen

Das Herzmädchen hat gerade die Augen aufgeschlagen. Juhu! Seine Menschen! Der Tag fängt ja gut an. Es grinst breit von einem zum anderen. Freut sich über jeden, der sich über es beugt. Dazwischen fingert es gedankenverloren an den bunten Kabeln herum, die aus dem Schlafanzug führen. Gleich werden die von den Großen abgezupft, denn wer braucht schon einen Überwachungscomputer – am helllichten Tag! Sieht man ja wohl, dass es dem Herzmädchen gut geht.

Der Lifescientist geht Hände waschen und kommt mit einem braunen Fläschchen zurück, das er mit schnellen Bewegungen schüttelt. Mit einer dünnen Spritze zieht er vier Milliliter auf führt sie zum Mündchen.

Frau Life Science beherrscht jetzt auch das mit der Medizin. In der Uhrzeit leben, das kann selbst eine Frau Life Science lernen, vor allem, wenn sie nicht mehr den ganzen Tag überlegt, dass das Kind krank ist. Trotzdem sind die Medis Vaterjob, zumindest, wenn zu den Zeiten, wo er im Haus ist. Zum Medizin geben gehört auch immer das laut Aussprechen. So ist gesichert, dass es bei der einfachen Dosis bleibt.

Dann wird es gewickelt, vom Vater kunterbunt angezogen oder gleich im Schlafanzug gelassen und ist startklar, mit Frau Life Science den Großen in die Kita zu begleiten. Im Autositz wird es festgeschnallt, nach dem Aussteigen an den Bauch gebunden. „Ich will sie SEHEN!“, ruft der Forschernachwuchs und sucht nach dem Gesichtchen, wo es sich vergraben hat. Grinsendes Einverständnis.

Was das Herzmädchen sonst so den ganzen Tag macht? Was Babys halt so machen: Trockenschwimmen auf der Babydecke. Bis das Köpfchen schwer wird. Oder mit Blubberblasen um den Mund das Weltgeschehen kommentieren: Inzidenzen steigen seit einer Woche? Blubberdiblubb. Mutationen mutieren? Blubbblubbdiblubb. Schule ohne Plan? Blubb. Blubb. Blubb.

Die Interessen sind mehr unmittelbarer Natur. Das Bundesamt für Materialforschung und -Prüfung ist nur einen Steinwurf vom Hause Life Science entfernt, da tut man als Baby sein Möglichstes, ein wenig Zuarbeit zu leisten. Mit dem Mund geht das am besten. Ehrensache!

Schön so ein Herzmädchen kennenzulernen. Wo es kitzelig ist (an der Brust). Was es lustig findet (einsilbige Quatschwörter und hüpfende Familienmitglieder). Wann die Stimmung kippt (abends). Was es schön findet (Schwimmbad).

So ein Alltag mit ihm geht meist leicht von der Hand. Es ist einfach überall dabei. Bei der Eisdiele, auf dem Spielplatz, beim Fußballtraining. Eigenes Programm hat es keines, außer regelmäßige Vergnügungsausflüge zu den Kardiologen. PEKiP und Co werden vielleicht wieder irgendwo angeboten, aber beim besten Willen, das Herzmädchen kann sich nicht mit Hinzchen und Kunzchen und nem Haufen Eltern drinnen treffen. Es muss ohne solche Aktionen gehen und es geht auch ohne.

Der Antrag zur Schwerbehinderung, der nach der Geburt auf Anraten von Schwester Lena gestellt wurde, läuft seit Monaten. Schon zweimal kam ein Brief, der jedoch nicht den Bescheid enthielt, sondern die Versicherung, an dem Antrag würde gearbeitet. Doch mit oder ohne amtliche Bescheinigung, mit einem Herzmädchen lebt man „auf der anderen Seite“. Im Moment aber ganz gut und – wie man immer wieder feststellt – in bester Gesellschaft. Wer nicht alles zum Kardiologen muss oder sonstwie innerlich speziell gebaut ist!

Wie es sich entwickelt hat, das Herzmädchen: als es aus dem Krankenhaus kam, musste es immer am Körper sein. Man konnte es nicht ablegen, ohne dass es schrie. Später musste es nur noch nachts unbedingt bei den Eltern liegen. Das nie genutzte eigene Bettchen sollte schon in den Keller wandern, doch plötzlich ging es doch: Einfach so schlafen. Ohne Angst.

Nächsten Sommer kommt Herzmädchen in die Kita. Zu diesem Vorhaben wird eigens eine solche errichtet, und zwar direkt im Hof vom Hause Life Science. Das wäre doch nicht nötig gewesen! Und Tschüss, Parkplatz! Gerne wäre Familie Life Science zur Kita ein paar Schritte gelaufen, und hätte dafür ihren kostenlosen Stellplatz behalten. Neue gibt’s nämlich keine, auch nicht zur Miete. Auto in der Stadt ist und bleibt einfach nicht das Erfolgskonzept. Keins aber auch nicht.

Zurück zum Herzmädchen und dem guten Befinden trotz schwerer Befunde. Die Sauerstoffsättigung ist konstant gut, ungeachtet des bläulich unterlegten Teints. “Ich sehe nichts Blaues“, sagen die Leute. “Schlumpfine”, denkt Frau Life Science.

Der Kardiologe will Schlumpfine zurzeit gar nicht sehen. Den ganzen Sommer nicht. (Welchen Anteil daran sein eigener Urlaubsbedarf und welcher die gute Gesundheit der kleinen Patientin hat, bleibt unklar, aber zumindest scheint letzteres eine Rolle zu spielen und das ist gut.)

Die Lebenserwartung dieser kleinen Persönlichkeit bleibt eine offene Frage. Es vergeht kein Tag, an dem Frau Life Science sie sich nicht stellt. Es vergeht aber auch kein Tag, an dem das Herzmädchen sie nicht weglächelt. Und mit jedem gut bewältigten Tag scheint die gemeinsame Zukunft glaubhafter.

Herzmädchen wird heute, am 13. Juli 2021 ein halbes Jahr alt. Die letzten sechs Monate waren nicht rosa, aber bunt. Alle Farben des Lebens.

Happy 1/2Birthday, Herzmädchen!

Festkleidung im Größe 74

4 Gedanken zu “Mit dem Herzmädchen

  1. Happy 1/2 Birthday!
    Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es einfacher gesagt als getan ist… aber bleibt wann immer es geht mit Herz und Gedanken genau da wo eure Füße stehen: im Hier und Heute beim Herzmädchen!

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