Heute wollte eine Kollegin – nach fünfjähriger Tätigkeit im Hause – von Frau Life Science wissen, wo sie eigentlich herkomme.
Normalerweise wird dies immer kurz nach “Guten Tag” erfragt, gerne auch von Schüler:innen. Diese Kollegin war einfach etwas später dran.
Sie habe jedenfalls seit einiger Zeit einen Nachbarn aus Kaiserslautern, erklärt die Kollegin das plötzliche Interesse, der rede GENAU GLEICH wie Frau Life Science. Die aus dem Raum Freiburg kommt.
Freiburg in der Pfalz. Wer kennt es nicht?
Der Nachbar sehe übrigens auch gleich aus. Wie Frau Life Science.
Frau Life Science muss sich ja auf Arbeit immer wieder viel anhören. Mal wurde sie an der Kaffeemaschine als schwanger aussehend bezeichnet, als sie es nicht war, jetzt sieht sie schon aus wie männliche Nachbarn aus Kaiserslautern.
Die Kollegin imitierte dann sogleich den sogenannten „Sing-Sang“, der für Baden-Pfalzberger ganz typisch sei. Das klang wie die Sprache von Außerirdischen.
Und auch die Art von Frau Life Science sei genau gleich wie die des Nachbarn.
Verrückt!
Eine „Berliner Art“ hat Frau Life Science auch schon längst ausgemacht. Mit allen Facetten. Aber wen interessiert das?
Des Weiteren fällt ihr auf, das in Berlin viele, nicht nur die längst assimilierte Kollegin, die sich freundlich erkundigt hatte, ihre Herkunft gerne hinter sich lassen. Sowohl sprachlich als auch sonst. Einmal traf sie einen Kita-Papa aus der schwäbischen Heimatregion ihrer Eltern.
Raten sie mal, wer von beiden sich mehr gefreut hat?
Albstadt?! Äh, ja. Da war ein Widerstand zu spüren. Wer möchte über Albstadt reden, wenn er in Berlin lebt?
Frau Life Science immer gerne!
Ich schäme mich Baden-Württembergs nicht.
Davon abgesehen ist es merkwürdig: Frau Life Science sieht ihren Berliner Wirkungsort zunächst immer als einfach gegeben an. Hier ist ihre Platz. Ihre Kinder sind hier, ihr Leben ist hier. Erst durch die Rückmeldung der anderen, und seien es unbedarfte Schüler:innen, wird ihr klar, dass sie ein Fremdkörper ist und immer bleiben wird.
Wie muss es erst echten Ausländern gehen?
Es ist alles relativ. Das Herzmädchen möchte jedenfalls nach einem Aufenthalt in Baden-Württemberg, so sehr sie ihn genießt, immer wieder gerne nach „Deutschland“ zurück.
Beim Forschernachwuchs dürfte es auch anders sein als bei Frau Life Science. Er ist kein Missfit. Er macht bereits regionale Schreibfehler.
Würklich.
Was Frau Life Science sich selbst und anderen aber empfehlen will: im Smalltalk die Betonung der Fremdenheit zu unterlassen, denn sie grenzt aus. Nach Verbindendem fragen, das wäre schön:
- Du kommst aus X. Was vermisst du?
- Ist X gut zum Urlaub machen?
- Was schmeckt am leckersten in X?
- Wie weit fährt man nach X?
- Bist du hier angekommen?
- Wann warst du in/fährst du nach X?
- Was bedeutet für dich Heimat? Wo bist du (mehr) zuhause?
- …