Hohe Stapel kennen Lehrer:innen nur allzu gut – wenn es um Korrekturen geht. So manche:r Kolleg:in stapelt aber auch ganz andere Dinge hoch: den eigenen Werdegang.
Es gibt tatsächlich Lehrkräfte, die nehmen Prüfungen ab, ohne sie selbst bestanden zu haben. Von solch kuriosen Fällen berichten hier und da die Zeitungen.
Der Lehrerberuf scheint für Fake-Identitäten gut geeignet, steht man doch meist alleine vor den ahnungslosen Kindern, ist eigenverantwortlich tätig und es herrscht ohnehin Fachkräftemangel. Noch dazu kann man den Job auf so unterschiedliche Weise halbwegs richtig ausführen, Stichwort „Technologiedefizit der Pädagogik“.
Beliebte Fächer für unauffälliges Bluffen scheinen nach Durchsicht der Medienberichte insbesondere Sport und Deutsch. Aber auch Mathematik und Naturwissenschaften sind möglich und Religion nicht auszuschließen.
Die Presseberichte über enttarnte Hochstapelei lesen sich für Schul-Insider wie aus dem Kabarett:
In Bayern wunderte sich ein Sportlehrer, dass sein Kollege die Handballregeln nicht beherrschte, gab sich aber mit der Erklärung „Die haben aber eine komische Ausbildung in Hessen“ zufrieden. Ansonsten war der Herr ein Muster-Lehrer, sehr engagiert – man hätte direkt misstrauisch werden müssen. Dass er schließlich dennoch aufflog, war nur einem „Rosenkrieg“ zu verdanken, den die Exfrau anzettelte, so berichtete sein ehemaliger Schulleiter, und es scheint fast so als ob ihm die Performance seines Lehrers wichtiger wäre als so ein paar überbewertete Dokumente. Eigentlich hätte er den Mitarbeiter doch gerne behalten, so ahnt man.
Eine Institution, die Abschlüsse vergibt, aber ihr Vorhandensein geringschätzt.
An seiner Unterrichtstätigkeit habe es keine Beanstandungen gegeben, heißt es in einem anderen Fall, wo ein „falscher“ Lehrer fast 15 Jahre am tätig war.
Die frühere Deutschlehrerin von Forschernachwuchs konnte übrigens nicht schreiben, wovon man sich in verstörenden Elternbriefen und Arbeitsblättern wöchentlich überzeugen konnte. Sie war garantiert keine Hochstaplerin. Aber das ist ein anderes Thema (und dem Forschernachwuchs ging es dabei bestens).
Gesellschaftlich gesehen gewinnen Hochstapler nicht selten alle Sympathien. Zumindest wenn sie ihren Job gut – gar besser – machen als das das „Original“. Sie werden bewundert für ihre Anpassungsfähigkeit, ihr Geschick und ihre Menschenkenntnis – Quereinstieg mal anders!
Auch die online Kommentare zu den Medienberichten von Fake-Lehrkräften zeigen: man möchte den Schwindler:innen am liebsten ein Ehrenexamen erteilen, betrachtet das Gehalt als durchaus verdient und bedauert das Ende der Tätigkeit. Freie Fahrt für flexible Identitäten!
Die rechtliche Bewertung fällt dagegen sehr negativ aus. Die mit Hochstapelei verbundenen Straftatbestände (Urkundenfälschung, Amtsanmaßung, Betrug usw.) können sogar eine Haftstrafe nach sich ziehen.
Interessant ist auch, wie die Damen und Herren Möchtegerns dann auffliegen: bei der Bank, bei Polizeikontrollen bzw. -Interaktionen oder durch Eltern der unterrichteten Kinder.
Das Schulwesen ist ein Fall für sich und manch Lehrer:innenzimmer ein Kuriositätenkabinet. Echte Lehrkräfte mit Defiziten, falsche Lehrkräfte, die den vollen Durchblick haben, und alles dazwischen und außerhalb.
Wesentliches Rüstzeug im Job scheint ohnehin zunehmend die Aushaltekompetenz. Und die ist Gegenstand keiner Prüfung und keines Abschlusses.
Und mag auch der Lehrer oder die Lehrerin falsch sein, die Probleme im Bildungswesen sind garantiert echt.