Oberschwarzmoos, Wiesenweg 11. Die Adresse vergisst man irgendwie nicht.
Die Außenwände mit verwitterten Holzschindeln verkleidet. Die Haustür sperrt, aber mit etwas Druck geht es. Ein Viertelkreis aus Schleifspuren auf dem Fußboden zeigt, dass die Tür schon öfter etwas fester aufgedrückt wurde.
Der Schlüssel war im Kästchen unter dem Stein im Vorgarten. Ein WhatsApp-Video erklärt neuerdings denjenigen, die es nicht schon immer wussten, wo er liegt.
Gleich in der großen Küche hängt in einer Klarsichtfolie die Checkliste: Haupthahn aufdrehen, Hauptsicherung einschalten, wo ist was.
Die Treppe nach oben spricht nach über 10 Jahren immer noch dieselbe Knarzsprache.
Drei Stockwerke, viele Türen. Mobiliar, Bilder und Deko aus mehreren Epochen. Fragile Gestecke mit Fundstücken aus der Natur. Geschichte und Geschichten in allem. Manches bekannt, manches noch zu erzählen. In allem so viel Liebe.
In dem einen Zimmer riecht es haargenau wie vor über 30 Jahren beim Großvater auf der Schwäbischen Alb. Wie hat dieser Geruch so einfach Zeit und Raum verlassen können? Es ist der Linoleumboden, der Frau Life Science auf olfaktorische Reisen schickt.
Apropos Geruch: Die zuletzt Dagewesenen haben Essen stehen lassen. Erstmal entsorgen. Pfui, das stinkt aber!
Hinterm Haus eine Feuerstelle, ein Schuppen mit unzähligen Gartenstühlen, ein Trampolin, bedeckt mit Tannennadeln und ein windschiefes Baumhaus. Die Rutsche, die von dort nach unten führt, war einst die Wasserrutsche in einem Kaiserstühler Schwimmbad gewesen. Zeitgeschichten, Ortsgeschichten.
Als das Anwesen vor über 20 Jahren gekauft wurde, war das Projekt für eine Familie zu groß, also taten sich zwei zusammen. Es erfüllte sich ein lang gehegter Traum.
Vielleicht hätte man abraten müssen. Ist es nicht ein enormes Risiko, so ein so riesiges altes Haus zu erwerben, selbst wenn die Käufer Handwerker verschiedener Sparten sind? Irgendwie riecht das doch nach Problemen! Was ist, wenn man sich zerstreitet und wer stemmt die ganzen Kosten?
Über 20 Jahre später – wer hätte es ahnen können – dass es funktioniert. Denn all die Jahre und zwei Wasserschäden später steht das Haus immer noch. Trotz mancher Veränderung ist es irgendwie immer noch gleich.
An diesem Ort wurde miteinander gebaut, geschafft, gelebt und gefeiert. Mit Freunden, Freunden von Freunden und Freunden von Freunden von Freunden. Jahraus jahrein. Die Tafel im sogenannten Wintergarten ist lang. Die karierte Tischdecke auch.
Anlässe für Feierlichkeiten waren unzählige Geburtstage, ein Junggesellenabschied (inzwischen aus Gründen aus dem Katalog gestrichen), ein Klassentreffen, eine Hochzeit (welche bloß) und auch immer das Leben als solches.
An den Küchenschubladen hängen Fotos. Damit man weiß, welches Salatbesteck ungefähr wo reingehört. Alles hier ist auf Kooperation und Nutzerfreundlickeit ausgerichtet.
Perfekt ist es hier nicht, vielleicht hat ihr Teller eine Macke oder die Matratze ist nicht antiallergen. Der Handyempfang schwächelt, W-LAN Fehlanzeige. Dafür guckt beim Mittagsschlaf eine Ziege vom angrenzenden Hang ins Bett.
Es ist ein einmaliger Ort und er gehört zum ganz persönlichen immateriellen Weltkulturerbe der Frau Life Science.
Dieses Hausprojekt hat Seltenheitswert. Wegen der Unwahrscheinlichkeit seiner tatsächlichen Existenz und wegen der utopischen Idee des Gelingens. Die im Wiesenweg 14 Wirklichkeit geworden ist.
Danke, Schwarzwaldhaus.
Oh, das klingt nett, ich kann es förmlich riechen
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