Wichtelstress

Frau Life Sciences Grundschule zieht schuljahresweise Lose unter den Kolleg:innen (also die, die halt Lust haben) und so kriegt jede:r zwei Kolleg:innen zugespielt, deren Geburtstagswichtel er oder sie dann im Schuljahr sein wird. Jedes Geburtstagskind hat dann zwei geheime Wichtel.

Die geheimen Wichtel sind dafür zuständig, es den Geburtstagskind und dem Team irgendwie ein bisschen nett zu machen. Kuchen oder paar Schrippen mit Aufstrich, Blumenstrauß dazu, irgendwas. Das Geburtstagskind selber hat dann frei.

Auf diese Weise kriegt jede:r mit, dass es ein Geburtstagskind gibt, ein spontanes Ständchen mit den musikalisch versierten Pädagog:innen ist schnell arrangiert, in der großen Pause wird gesellig zusammengesessen und immer herrscht gute Stimmung.

Feine Sache!

Letztes Jahr hat Frau Life Science zwei Sommerferiengeburtstagskinder aus dem Lostopf gezogen. Eines davon zog sie sogar allein, ohne Wichtelpartner:in.

Genau betrachtet: Wie überraschend war das das eigentlich?

Im Bereich mathematischer Wahrscheinlichkeit gibt es ja das Modell „Ziehen ohne Zurücklegen“. Ob das hier „Ziehen mit Zurücklegen“ gewesen war? Könnte man meinen. Als ob keiner die Ferientermine haben wollte.

Man musste sich dazu in den Ferien wichteltechnisch absprechen und zum ersten Präsenztag koordiniert mit Kuchen und Gebüsch antaumeln, wenn einen eh schon gerade der Kulturschock traf.

So ein erster Präsenztag ist dermaßen dicht, es explodiert einem das Hirn. Von Null auf Hundert. Auch wenn gar keine Schüler physisch anwesend sind. Aber, was sie wann und wo lernen sollen, in welchem Fach mit wem, warum, wo und ab sofort schon wieder neu und anders. Welche Lehrkraft wann, wieso mit wem zusammenarbeiten wird. Zuständigkeiten, Termine, Überschneidungen. Unvereinbarkeiten, Ressourcenkämpfe. Grundsatzdiskussion. Nicht bearbeitete Altlasten und unerwartete neue Probleme. Alles gefühlt gleichzeitig. Es ist kaum auszuhalten.

Frau Life Science wollte für ihr doppeltes Wichtelamt (die zu bewichtelnden Kolleg:innen lagen ihr beide tatsächlich am Herzen) zunächst einen richtig guten Käsekuchen kaufen und wenigstens einen Schokokuchen backen.

Da das Käsekuchenkaufangebot noch schlechter als erwartet war (wie hätte die im Team erklären sollen, dass sie sich aus reiner Faulheit oder Unfähigkeit mit drölfzig Euro aus ihrer Wichtelpflicht freikaufte) entschied sie sich kurzfristig und unter Zeitdruck völlig wagemutig dafür, am Vorabend bzw. in der Nacht zwei Kuchen selbst zu backen und nicht nur einen.

Du bist ja nicht so der Back-Typ?, wusste das Herzmädchen, als es in das Vorhaben eingeweiht wurde.

Frau Life Science war aus dem Back-Geschäft tatsächlich in den letzten Jahren ausgeschieden. Es war ihr einfach zu stressig. Meist vergaß sie Zutaten schon beim Einkaufen, wenn nicht später beim Einrühren, vergaß den Kuchen nach Ablauf der Backzeit im Ofen, oder es klappte sonst irgendwas nicht. Sie hatte einfach nicht mehr die Ruhe für sowas..

Aber warum heute nicht einfach doch selbst einen Käsekuchen backen? Mit 46 Jahren? Das konnte doch nicht so schwer sein. Alle mögen Käsekuchen! Also los!

Der Ofen lief bis nach Mitternacht.

Am Morgen des Präsenztags ergatterte Frau Life Science, die sonst immer mit dem Fahrrad kommt, gerade noch einen Parkplatz nahe der Schule und taumelte mit einem gut gelungenen Käsekuchen, einem mittelmäßig gelungenen Schokokuchen mit halb getrockneter Glasur, einem Dienstrucksack, zwei Kuchenplatten, zwei noch nicht geschriebenen Grußkarten, zwei Kerzen usw. im Lehrerzimmer ein. Zweimal Laufen war nicht wegen der Zeit. In letzter Minute arrangierte sie mit der Kollegin den Gabentisch.

Ihre weisse (!) Bluse war aber auf einmal großflächig mit Schokoglasur verschmiert. Wie war das nur passiert? Es sah unmöglich aus. Wie Stuhlgang, ehrlich! Guten Appetit!

An der großen Versammlung würde sie SO nicht teilnehmen könnten. Sie würde mit dem gerade an der komischen Ecke geparkten Auto umkehren müssen Richtung heimischer Kleiderschrank.

Bitte entschuldigt mich bei der Versammlung wegen eines Zwischenfalls.

Aber im Kollegium legt man nicht nur Zettel in den Lostopf zurück, sondern man teilt auch Kleidung, die man gerade selber trägt. St Martin lässt schon im August grüßen!

Und so zog die Kollegin ihren Pulli aus und schlenderte im ebenso schicken Drunterzieh-Shirt zur Versammlung, während Frau Life auf einmal ein extravagantes pinkfarbenes Leoparden-Shirt anhatte.

Das Teil steht dir!!!, meinte eine stilsichere Kollegin voller Überzeugung.

Nun war also alles geschafft. Alles aufgebaut. Zur Versammlung im neuen Style hinzugestoßen. Noch schnell die Karten während der Versammlung schreiben, dann schief mitsingen, Kuchen essen. Das war‘s.

Das Rezept für den Käsekuchen? Klar, das schick ich euch, sagte Frau Life Science später erleichtert.

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