Heute war Frau Life Science mit dem Ehemann zum Lunch verabredet. Nicht in einem fancy Lokal in Schöneberg oder so, sondern in der Kantine im Keller der örtlichen Klinik. Frau Life Science kennt ja jeden Mittagstisch im PLZ-Gebiet in- und auswendig und könnte dazu einen eigenen Blog eröffnen.
In der Klinik-Kantine treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander – manche auch in ihren speziellen Monturen: Ärtztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Studierende, Handwerker im Hause, Rentnerinnen und Rentner oder Menschen, die wegen medizinischen Terminen vor Ort sind.
Im allgemeinen Gewusel trug heute ein Mann einen komischen weißen Kittel und ein Geschirr mit einer gebogenen Metallstange wie einen Rucksack. Die Stange bog sich von hinten über seinen Kopf und endete mit einer Art Haken.
War das die neue Art Infusionsständer? Oder eine andere gesundheitliche Vorrichtung? War der arme junge Mann wohl sehr krank?
Eher Nein. Er war Mitglied eines mehrköpfigen Filmteams, so stellte sich heraus, das völlig ungeniert die komisch am Körper befestigten Kamera auf die Menschen richtete.
Nun sind ja dort öfter Dreharbeiten in den teils schäbigen Fluren und das ist ja immer irgendwie spannend. Man versucht als Zaungast hier und da einen Blick zu erhaschen oder herauszufinden, welche Serie wohl gerade produziert wird. Augen auf! Am Ende begegnet man noch irgendeinem drittklassigen Star?
Das man ungefragt selbst zum Statisten von irgendwelchen Fernsehprojekten wird, war allerdings neu. Nirgendwo wurde heute über den Vorhang informiert, nichts hing aus, keiner wurde gefragt.
Als bekennende Loriot-Fans würden die Eheleute Life Science sehr gerne den Nudel-Sketch nochmal mit Spirellis aus der Kantine nachstellen, jedoch wäre da eine Zustimmung ihrerseits vorher unbedingt erforderlich gewesen.
Die war nun nicht erfolgt.
Immer noch war die Kamera penetrant auf die Eheleute gerichtet. Darum ging Frau Life Science nach einiger Zeit direkt hin zum Kameramann mit Kittel und Gestell.
Ob er sie gefilmt habe, sie habe dem nicht zugestimmt.
Wo sie denn gesessen habe, er habe sie gar nicht aufgenommen. Er zeigte sein Display mit vielen Kästchen. Frau Life Science konnte beim besten Willen nichts erkennen.
Seit sie über 40 ist, hat sie zwar keine Scheu mehr, Menschen für dumme Sachen anzumeckern, sieht aber leider auch nichts mehr in der Nähe. Außerdem kann sie ja nicht prüfen, welche Aufnahmen auf der neumodischen Kamera gerade angezeigt werden.
Mr. Filmgestell verwies auf die Leitung dieses Filmprojekts. Diese trug auch einen funktionslosen weißen Kittel und saß am mit einer Plastik-Thymian-Pflanze und mit Salz und Pfefferstreuer dekorierten Esstisch und glotzte in ihren Laptop.
Man sei von ARZDF und habe hier eine Drehgenehmigung, behauptete sie selbstbewusst.
„Und ich habe ein Recht am eigenen Bild?“ , sagte Frau Life Science (sinngemäß).
Der Kameramann zeigte erneut sein Display um zu beweisen, das Frau Life Science gar nicht zu sehen sei.
Ihr eigenes rotes T-Shirt leuchtete auch für eine 46-jährige mit altersbedingter Seheinschränkung gut sichtbar auf dem Display der Gestellkamera.
Wir sind nicht mehr in den 60ern oder so, wo die Technik von Film und Fernsehen wohl derartig neuartig und exklusiv schien, dass man sich noch bedankte, die sagenhafte Ehre zu erhalten, im Fernsehen ausgestrahlt zu werden, egal wie und wo.
„Ich bin damit nicht einverstanden?“, wetterte Frau Life Science gegenüber den Weißkittligen.
Es würde gelöscht werden, sagte die Aufnahmeleiterin und dass ansonsten alles hier seine Richtigkeit habe.
Dit is Berlin. Es hat immer alles seine Richtigkeit. Und wenn nicht, ist auch egal, entscheidend ist schlicht das Selbstbewusstsein, mit dem Gegenteiliges behauptet wird.
Spannend. Und unglaublich! Insbesondere solch namhaften (und von uns bezahlten) Sender sollten sich eigentlich nicht so amateurhaft benehmen.
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Das dachte ich auch!
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