(364) Schöne Grüße vom Dorf

Frau Science und das Kind wohnen seit rund drei Wochen auf dem Dorf. Sogar mit Meldeadresse und eigener Klingel, die nur noch keiner richtig beschriftet hat. Der Lifescientist ist auch ab und zu mal da.

Meine Damen und Herren, kennen Sie Dorf?

Wenn Sie Dorf nicht kennen, sehen Sie da vorne eine Frau, die einen Hund spazieren führt. Soweit nichts Besonderes. Kennen Sie Dorf, dann wissen Sie, dass diese Frau den Begleithund ihres Sohnes ausführt. Der Hund lebt noch, aber der Sohn nicht mehr. Das Dorf schreibt traurige Geschichten und Sie grüßen und fahren weiter.

Kennen Sie Dorf, dann wissen Sie auch, warum das rote Auto vor Ihnen mit den Beulen in der Seitentür auf der Landstraße nur manchmal die rechte Spur hält. Wenn man eine neurologische Erkrankung hat, heißt es noch lange nicht, dass man im Dorf auf ein Auto verzichten kann.

Dorf kennen heißt nicht nur viele Geschichten zu wissen, sondern auch Teil davon zu werden. Es sind Geschichten von Menschen, die voneinander wissen und füreinander da sind – wenn’s drauf ankommt.

Oma Life Science erzählt beim gemeinsamen Abendessen, wie sie sich vor rund 40 Jahren einmal vom dritten Kind ausgesperrt hat, die großen zwei in der Schule, Frau Life Science noch nicht geboren.

Das Drittkind flitzt mit einem Lauflernwagen durch den Flur, ein Instrument, das man nicht unbedingt unbeaufsichtigt nutzen sollte, manche meinen sogar gar nicht. Die Kindsmutter kommt also nicht mehr ins Haus hinein und der Vater ist verreist.

Die herbeigewunkene kinderlose Nachbarin ruft ob des Zwischenfalls beim ortsansässigen Schreiner an. Es ist die Zeit vierstelliger Festnetznummern. Der Schreiner kommt zeitnah. Er begutachtet die Lage. Geht wieder. Die Mutter interagiert derweil mit dem unbeaufsichtigten Kind via Briefkastenschlitz.

Nach einer guten Weile kehrt der Schreiner mit einem sehr langen Draht zurück, formt am Ende eine Schleife. Als Fachmann hätte er ohne Weiteres die Haustür am Fertighaus-Neubau aufhebeln können oder irgendein Fenster. Aber man will doch kein Schaden anrichten, schon gar nicht als Schreiner.

Mit der absurd langen Drahtschlinge soll der Mann es geschafft haben, durch den Briefkastenschlitz hindurch den Hausschlüssel schräg über den Flur zu angeln uns zu sich zu ziehen. Der hing damals und seit 40 Jahren immer noch an den Metallschnörkeln des Garderobenspiegels. Mit dem Haustürschlüssel konnte die Tür ganz normal geöffnet und das Kind in die Arme geschlossen werden.

Frau Life Science steht bei diesem Abendessen, bei dem die Schlüsselgeschichte zum Besten gegeben wird, nicht weniger als zweimal auf, geht zu besagten Spiegel, blickt mit zugekniffenen Augen zu in Richtung Briefkasten und sagt kopfschüttelnd: „Es ist UNmöglich!“

Natürlich hat der Schreiner für seine Dienste nichts verlangt. Ein aufgehebeltes und wieder hergerichtetes Fenster hätte er abrechnen können.

„Und was war mit Schlüsseldienst?“
„Ach was“, sagt der Opa. Das war vor 40 Jahren. Es war ganz anders als heute. So etwas gab es nicht oder man kannte es nicht.

„Der Mann kann  ja in Wetten dass…? auftreten“, sagt Frau Life Science.

„Der lebt schon lang nicht mehr, winkt die Oma ab. Sie kann die Geschehnisse heute ganz ohne die damalige Aufregung schildern. Der Sohn ist schließlich soweit unbeschadet groß geworden und sperrt sich inzwischen von seinen eigenen Kindern aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer braucht da „Trader Joe’s?“ Kaufen Sie Feldsalat, Kukident und Markklößchen, oder was immer Sie sonst benötigen, immer donnerstags von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr beim mobilen Pop Up – Supermärktchen in ihrem Dorf. Und treffen Sie alte Bekannte.