(380) Auf gute Nachbarschaft – Oder: Stefanie aus Vaihingen

Was noch fehlt, sind verbindliche Sozialkontakte am Ort.

Das ist normal, das haben schon X Leute vor Familie Life Science durchgemacht.

Auch in New York gab es schon manchen sozialen Durchhänger. „Ich wünsche mir“, so Frau Life Science damals zum Lifescientisten, „dass da in die leerstehende Wohnung gegenüber eine nette Frau einzieht, irgend so eine Stefanie aus Vaihingen. Eine, die einfach genau zu uns passt.“ (Wer allerdings zu Frau Life Science passt oder gepasst hätte, dass weiß sie bis heute nicht). Ohnehin wurde sie in ihren drei Auslandsjahren mit vielen anderen wertvollen Begegnungen und einer vielseitigen deutschsprachigen Community beschenkt, und keiner dieser Menschen hieß Stefanie.

Die Frage ist, was unwahrscheinlicher ist: dass in Manhattan eine Wohnung leer steht, oder das eine Stefanie aus Vaihingen einzieht. Ersteres war jedenfalls über zwei Jahre lang der Fall, dann kam eine kontaktscheue Afrikanerin mit zwei älteren Kindern, Stefanie hieß die bestimmt nicht. Stefanie aus Vaihingen blieb aber ein fester Begriff im Familien-Vokabular, die personifizierte soziale Lücke in der USA-Zeit, über die die Familie oft auch schmunzelte.

Frau Life Science fällt in Berlin nicht die Decke auf den Kopf. Sie hat sich einen kleinen  Nebenjob angelacht (dazu später irgendwann mehr), ihr Leben ist ausgefüllt. Ohnehin reicht ein einziges winziges Kind, dass man immer etwas zu tun hat und sowieso nie allein ist.

Im Buchungskalender der Pension Life Science ist bereits die zweite Belegung notiert sowie Anfragen für April, Mai, Juni. Genug Programm sollte man meinen.

Alte Kontakte pflegen stünde auch dringend an, sie welken so dahin. Ein Anruf, eine Mail oder eine Postkarte wäre immer möglich, aber all das gerät in Verzug. Warum eigentlich?
Ohne überhaupt genug Energie für die alten Bekanntschaften und Freunde zu haben, wünscht sich Frau Life Science schon wieder neue.

Die kann sie ja dann wieder nicht pflegen, wenn sie das nächste Mal  umzieht.

Wie würden SIE es anstellen? 

Sie würden in der Nachbarschaft oder im Haus anfangen, nicht wahr?

Das ist gar nicht so einfach. Unten drin wohnt zum Beispiel Frau K.
„K“ wie Kurzangebunden: Sie möchte keinen Kontakt. Auf gegenseitiges Paketannehmen legt sie jedoch großen Wert  – und das ist ja auch schon was. Während Frau Life Science Frau K.´s Textilien in Versandbeuteln entgegennimmt, bewahrt Frau K. im Gegenzug Familie Life Sciences Sendungen gewissenhaft auf. Dabei scheint sich Frau K. immer irgendwie zu freuen, wenn das Paketannehmen auf Gegenseitigkeit beruht. Als möchte sie niemandem etwas schuldig sein.
Frau K. scheint ansonsten tolerant und ohne Ende friedfertig, über das Gepolter aus den ersten Tagen, teilweise zu Unzeiten, hat sie sich nie beschwert. Auch sonst über nichts. Man hätte es also schlechter treffen können!

Trotzdem wundert sich Frau Life Science als Dorfkind über das offensichtliche Desinteresse an jeglichem Kontakt, der über Pakete hinausgeht.

Es ist Frau Life Science  in ihrem bisherigen Leben noch nicht gelungen, irgendwo zu wohnen und die Nachbarn NICHT näher kennen zu lernen.
An ihrem letzten deutschen Wohnort hatte sie mit ihren Nachbarn (Vermietern) beispielsweise nichts gemeinsam, außer der Haustür. Weder Lebensfragen, Bildungsstand, Alter noch Hobbies oder sonst irgendetwas passte. Dennoch entstand eine Art Freundschaft, die gerade aufgrund der Unterschiede bereichernd war, zuletzt teilte man sich sogar eine Katze. Es war einmalig. 

Apropos, diese Leute sollte man auch mal wieder anrufen. Vielleicht morgen. Oder übermorgen.

Frau K. scheidet jedenfalls zu Kontaktanbahnung aus. Aber es gibt noch eine Wohnung oberhalb, die wird seit Monaten geräuschvoll renoviert. Wenn schon keine Hausbewohner, so sieht man doch wenigstens jeden Tag dieselben Handwerker ein und ausgehen. Nächste Woche soll die Wohnung fertig sein, behaupten die Jungs. „Dann sind wir mal gespannt, wer einzieht“, sagt Frau Life Science im Treppenhaus und geht in ihre Wohnung.

„Icke!“, ruft einer der Handwerker ihr nach, der andere lacht.

So sind sie, die Berliner!

 

Lesen Sie vielleicht im nächsten Beitrag, vielleicht aber auch nicht:

– wie es dem örtlichen Turnverein organisatorisch gelingt, dass die Teilnehmer beim Kinderturnen garantiert NICHT näher miteinander in Kontakt kommen

– Wie man in der Familienkirche ganz leicht OHNE jedes Gespräch entschwinden kann
(es ist Stärke und Schwäche des Projektes zugleich)

– Wie OFT man zum Eltern-Kind-Treff des Kindergartens pirschen muss, bis man die anderen – und diese einen selbst – halbwegs richtig einschätzen und eine Vertrauensbildung möglich ist (gehen Sie von 12 Malen aus)

…und vieles mehr. Bleiben Sie dran.

 

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Es besteht Hoffnung: Auch dieser Herr hat offenbar Gleichgesinnte gefunden. Gesehen an der Second Avenue Subway, New York City.