(399) Möbel fürs Herz

Familie Life Science hat immer noch keinen Wohnzimmerschrank. Nie einen richtigen gehabt. Das Projekt Wohnzimmerschrank ist so eines, das überhaupt nicht vorankommt.

Das liegt unter anderem daran, dass Frau Life Science nicht gefällt, was heute unter dem Begriff „Wohnwand“ firmiert. All diesen gemeinsam ist: die Aussparung für den Fernseher. Welchen Fernseher?, fragt sich Frau Life Science. Nicht dass sie nicht gerne fernsähe, aber nicht mit einem Fernseher und nicht in der vorgesehenen Wandaussparung.

Das größte Problem bei diesen Möbeln aber ist nicht das Vorhandensein einer Fernseher-Aussparung, sondern die Abwesenheit einer Seele. Diese sogenannten Wohnwände findet Frau Life Science schlicht unerträglich – und zu teuer. (Bitte erfreuen Sie sich gerne weiter an ihrer Wohnwand, wenn sie eine haben, und möglicherweise haben Sie ihr Seele eingehaucht, das will Frau Life Science gar nicht in Frage stellen.)

Frau Life Science ist halt mehr so der Vintage-Typ. Aber wo kauft man bitte gebrauchte Wohnzimmerschränke, ohne die Abholung bei irgendwelchen Privatleuten in abgelegenen Stadtteilen organisieren zu müssen?

Nach langem Suchen findet Frau Life Science online tatsächlich einen besonderen Laden in Kreuzberg-Friedrichshain. Die haben eine beachtliche Auswahl an Wohnzimmerschränken, die älter als Frau Life Science sind, und die – wie sie – die eine oder andere äußere oder innere Macke, vor allem aber eine Seele haben. Geliefert werden die guten Stücke berlinweit. Im Monat Juni sogar kostenlos bzw. die Servicegebühr geht im Preis des Möbelstücks auf.

Der nächste Wochenend-Familienausflug führt also nach Friedrichshain und es werden dort Vintage-Möbel besichtigt. Frau Life Science träumt von einem schrillen Schränkchen, das auf ausgestellten schlanken Beinchen wie  direkt aus den Sechzigern herangeschwebt und frisch gelandet vor ihr steht. Fantastisch, da steigt die Laune. Aber für so ein Modell müsste sie den Lifescientisten erst noch überreden. Das könnte sie, gerade bei Einrichtungsfragen, sie will es aber dann doch nicht. Was, wenn es ihr selbst in drei Jahren nicht mehr gefällt? Schrill müssen beide wollen.

Retro, Vintage, Mid Century oder DDR – Frau Life Science ist es eigentlich egal, was es für ein Stil ist, wie es heißt und ob es Mode ist. Hauptsache, es ist nicht noch etwas Neues in ihrem Wohnzimmer.

Familie Life Science entscheidet sich einstimmig für eine realtiv gut erhaltene Anrichte, an der man sich voraussichtlich nicht so schnell satt sieht.

Ein Schrankfach ist abgeschlossen, der Schlüssel fehlt. „Das macht nichts“, sagt die Möbelverkäuferin, „wir haben vielleicht einen passenden Schlüssel im Fundus oder wir bauen das Schloss aus“.

„Vielleicht finden Sie ja einen Schatz, wenn Sie die Tür öffnen?“, sagt die unverbesserliche Frau Life Science. „Ach, was, nee!“, meint die Verkäuferin und verzieht ihr Gesicht. Sie sieht wohl einfach zu viele alte Kommoden am Tag.

Willkommen im Gebrauchtmöbel-Laden auf einem alten Eisenbahngelände

Möbel-Ausstellung in ausrangierten Mobile Homes