(423) Laterne, Laterne

Freitagnachmittag. Frau Life Science ist früher als sonst in die Kita gekommen und begibt sich mit dem Kinde in das Esszimmer, um auf kleinen Stühlen an kleinen Tischen mit Müttern und Vätern, Omas und Opas eine Laterne für den Martins-Umzug zu basteln.

Die pädagogischen Mitarbeiter haben alle benötigten Materialien, Kleister, Pinsel, Transparentpapier, Käseschachtel-Rohlinge bereitgelegt (Arbeitssoll erfüllt) und halten sich ansonsten wortkarg. Ist ja auch alles weitgehend selbsterklärend. So oft wie nur irgend möglich verlässt die hauptamtliche Mitarbeiterin den Raum.

Dass sie neue selbst gebackene Kürbis-Kekse holt, scheint unwahrscheinlich, denn die hier ausliegenden finden gar keinen Absatz. Sie schmecken so eigenartig, dass ihre Entstehung nur ein Kindergarten erklären und zugleich entschuldigen kann.

Es herrscht totale Gleichgültigkeit, nicht nur gegenüber dem seltsamen Gebäck. Da mag die Tradition von Lichterfesten schon seit Jahrhunderten die Menschen in verschiedenen Religionen und Kulturen bewegt und berührt haben, hier allerdings tut sich nicht mehr viel. Manch eine pädagogische Kraft scheint über die jahrzehntelang betriebene Lichter-Brauchtumspflege im wahrsten Sinne des Wortes ausgebrannt.

Als das Pergamentpapier vom Bastelkind angemessen mit rosa Papierschnipseln sowie mit den im Vorfeld von Mitarbeitern gepressten Herbstblättern (Arbeitssoll erfüllt) dekoriert ist, zuletzt maßlos mit Glitzer aus ausrangierten Gewürzstreuern versehen ist, macht sich Frau Life Science ans Aufrollen.

„Halt, Stopp!“, will sie die Erzieherinnen-Azubine aufhalten. Es müsse alles erst durchtrocknen, habe man ihr mitgeteilt, die heute gestalteten Papierstreifen würden nächste Woche von den Erziehern aufgerollt (zur Erfüllung des Arbeitssolls).

„Man kommt also hier in so einer trostlosen Veranstaltung zusammen, vermeidet jedes Gespräch, und am Schluss hat man nicht mal eine fertige Laterne? Na besten Dank. Nächstes Jahr gehe ich zu Tedi“, denkt Frau Life Science.

Sie ist aber bereits mitten im Rollprozess und weißen Bastelkleber hat sie auch schon großzügig aufgetragen. Es gibt kein Zurück mehr.

Mit der hilfreichen Hand einer befreundeten Mutter, die das Licht im Namen trägt, ist die Laterne ruckzuck auf die Käseschachtel aufgerollt. Stab eingehängt und LED angestellt, fertig.

Da steht die hilfreiche Mutter vom zu kleinen Stuhl auf und betätigt ohne Vorwarnung den Lichtschalter. Omas, Opas, Eltern und Kinder sitzen jetzt am Basteltisch im Dustern. „Schaut mal alle her!“, ruft sie, „Des Forschernachwuchses fertige Laterne!“

Für diesen kurzen Moment ist trotz aller Versuche das zu verhindern, der Zauber des Laternenfests spürbar.

Dort oben leuchten die Sterne und unten die LEDs

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