Unalltägliches 5

Frau Life Sciences Strategie zur Überbrückung der Kita-Schließzeit war das Bilden eines kleinen, infektionsarmen Betreuungskreises von zwei bis drei Kindern, die sich schon vorher regelmäßig getroffen haben.

Klappt überhaupt nicht. Leo hat ja H.. Und der Simon hat Bindehautentzündung. Was ansteckend ist. Immer wieder überraschend, welche Infektionen Kinder sich einfallen lassen, um von dem Unsäglichen abzulenken.
Letzten Donnerstag, als Kinder in Deutschland noch Betreuungsanspruch hatten, musste Frau Life Science bei der Arbeit eine Wurminfektion melden, via Türplakat an die Eltern. Würmer. Ja, sowas können Kinder kriegen. Der Gesichtsabsturz bei den Müttern war übrigens beispiellos. Würmer? Das versteht man intuitiv sofort. Will man nicht, Pfui.

Für Corona brauchte man erst ne Doppelstunde Erwachsenenbildung mit Schwerpunkt Exponentielles Wachstum. Es ist diese Art Wachstum, die zum Staunen gemacht ist, im Positiven wie im Negativen. Es staunen gerade alle ziemlich. Frau Life Science am meisten.

Als man anfangs öfter mal von Corona hörte, hat Frau Life Science mal etwas recherchiert. Dass die Berliner Charité an ihrem Campus in Mitte eine Sonderisolierstation habe mit 20 Plätzen. Da kämen die Patienten dann hin, dachte sich Frau Life Science. Sie hat es sich auf der Karte angesehen. Zwanzig Plätze kam ihr schon etwas wenig vor, vielleicht könne man ja bei Bedarf erweitern, hatte sie sich vorgestellt. Das war am 23. Februar. Nicht vorgestellt hat sie sich, dass Corona-Patienten irgendwann einfach überall sind: zuhause, in bestehenden Krankenhäusern oder in welchen, die man unter Zeitdruck aufschlägt.
Auf dem Berliner Messegelände soll in drei Wochen ein Krankenhaus mit 1000 Betten errichtet werden.

Zurück zum unalltäglichen Alltag.
Also, Frau Life Science hockt hauptsächlich mit dem Kind alleine rum. Einzelkinder haben in Corona-Zeiten keine guten Karten. Es wäre ja alles ganz gut zu verkraften, wenn es am 19. April vorbei wäre, aber alles deutet darauf hin, dass nicht. Warum auch.

Fahrradfahren geht noch. Im Parkfriedhof Lichterfelde (in einem Bereich ohne Gräber) ist man wünschenswert ungestört, Mutter und Kind treffen lediglich eine nette Seniorin aus der Kirchengemeinde. Frau Life Science rechtfertigt sich kurz fürs Fahrradfahren, die Seniorin sich ihrerseits fürs Hund ausführen. Aber die höchste Pietät scheint in diesen Tagen ohnehin im Abstandhalten zu liegen.

Darf man bei einer eventuellen Ausgangsbeschränkung eigentlich noch den Hund ausführen? Muss ja, oder?

Als Corona noch nicht war, also im Jahre 1 vor C., war Familie Life Science einmal in Zehlendorf im Zirkus (der Zirkus kam weitgehend ohne Tiere aus und die Artisten konzentrierten sich hauptsächlich darauf, sich selbst etwas abzuverlangen). Mehr als die präsentierten Kunststücke faszinierte Frau Life Science die Zirkusfamilie. Die Beobachtungen beschäftigte sie innerlich noch über Tage.
Es gab in dieser Zirkusvorstellung tausend einzelne Vorgänge, aber nur wenig Menschen, die sie „machten“. Jeder war alles – in Personalunion. Wer gerade noch in einem hängenden Reifen durch die Luft turnte, stand wenige Minuten später schon umgezogen am Crêpe-Stand. Die Oma, die draußen Eintrittskarten verkaufte, schenkte kurz darauf drinnen Getränke aus. Nur, weil man die Show moderierte, hieß das noch lange nicht, dass man nicht selber auftrat. Es war ein einziges „Bäumchen-wechsel-dich.“ Jede Rolle wurde sekundengenau von einem anderen übernommen, sobald es erforderlich war. Alles war geplant, jeder war auf seinem Posten. Keine Launen, keine Zicken, keine Animositäten. The show must go on.
Und als sie nach der Vorstellung das Zelt verließen, stand der Seniorchef am Ausgang und verabschiedete die Gäste wie ein Pfarrer. Als er sah, dass Frau Life Science noch einen leergegessenen Pappteller bei sich trug, streckte er ihr die Hand entgegen und nahm ihr den Abfall ab, um ihn hinter seinem Rücken verschwinden zu lassen. Der Chef war auch der Müllsammler. Weil es SEIN Gelände war, auf dem die nächste Vorstellung stattfinden sollte.
Den Vogel abgeschossen hatte bei alledem ein vierjähriger Angehöriger der Zirkusfamilie. Zu seinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die eine Hälfte des Bühnenvorhangs zur richtigen Zeit wirkungsvoll zur Seite zu schieben, um Künstler in die oder aus der Manege zu lassen. Timing! Muss man beherrschen… Er nahm Ringe entgegen, die nicht mehr zur Jonglage benötigt wurden. Saß auf einem Stuhl, den sein Vater auf der Stirn balancierte. Er führte ein paar Ponnys durch die Manege.
Ist das Kinderarbeit? Vermutlich ja. Jedoch war das Kind auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Er übertraf – zumindest auf den ersten Blick – alles, was man von einem gesunden Vierjährigen heute erwartet. Fokussierung und Konzentration, und ganz besonders: Selbstbewusstsein. Ich kann es. Ich bin Teil. 

Da denkt sich Frau Life Science: Zirkus Corona ist da. Unsere Kinder werden zu Zirkuskindern, die mit uns – und nur mit uns – das Leben bestreiten. Sicher auch mit Lagerkoller. Aber auch mit viel Gelingen. Wir müssen die Kinder bei ihren Kompetenzen nehmen. Sie können mehr als wir denken.

 

 

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