Starke Nerven im Umgang mit Virenschleudern

“Starke Nerven…
brauchen auch mal Unterstützung,“

…steht auf einem Flyer, den Frau Life Science in der letzten Maiwoche in ihrem Briefkasten fand.
Im Cartoon-Stil dargestellt sind Eltern im Corona-Alltag: eine Mutter, die am Laptop sitzt und zusätzlich telefoniert, ein Kind auf dem Schoss, ein weiteres streckt ihr ein aufgeschlagenes Schulheft entgegen. Beim Vater auf dem zweiten Bild kocht im Hintergrund das Mittagessen über, während er seinem Sohn die Schulaufgaben erklärt und ein Baby mit Spucktuch auf dem Arm hält.
Von einer Karikatur kann man hier nicht sprechen, denn überzeichnet ist hier nichts.

Auf der Rückseite des Flyers sind aufgelistet: Kontaktnummern von Beratungsangeboten mit den Schwerpunkten psychische Gesundheit, Schwangere in Not, Gewalt gegen Frauen und sexueller Missbrauch. Auftraggeber des Schreibens ist das Bundesministerium für Familie, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Bundesstiftung bzw. das Nationale Zentrum für Frühe Hilfen.

Gut zu wissen, wo man sich die letzten zweieinhalb Monate hätte hinwenden können.

Zwar hatte Frau Life Science keinen beruflichen Stress und betrachtet sich als durchaus privilegiert, starke Nerven brauchte sie die letzten Monate trotzdem und hatte sie nicht immer. Einzelkinder sind in Coronazeiten kein Vorteil, falls das jemand gedacht haben sollte.

Zurecht kam Familie Life Science in der Zeit (und ohne die richtigen Telefonnummern) nur durch ein sorgsam ausgehandeltes Konstrukt der tageweisen Mitbetreuung, das ein unübliches Maß an Vertrauen von Familien untereinander erforderte, sich teils haarscharf am Rande der Legalität bewegte und sich dennoch als Erfolgskonzept herausstellte, das sie für künftige Pandemien empfehlen möchte. Hausbetreuung im festen kleinen Kreis. Die Tage ohne Mitbetreuung und die reizarmen Wochenenden waren immer noch lang genug.

Der Flyer kommt ins Altpapier. Denn zur gleichen Zeit wurde ihr Kinderbetreuung zugesichert, in einem nicht geringen Umfang und mit baldigem Beginn. Grund hierfür ist, dass in Berlin im Rahmen der schrittweisen Öffnung der Kitas der nächste Jahrgang zum Zug kommt: die Vierjährigen. Die sollen je nach Möglichkeit der Einrichtung zumindest tageweise oder stundenweise desinfiziert betreut werden.
Außerdem wurde Frau Life Science von ihrem Arbeitgeber, ebenfalls ein Kindergarten, angefordert, drei Vormittage in der Kita zu mitzuhelfen.

Diese drei Arbeitstage im systemrelevanten Bereich und die teilweise Öffnung für Vierjährige reichen aus für ein Betreuungsangebot für den Forschernachwuchs, das mit Coronabedingungen nur noch wenig zu tun hat und mit dem Frau Life Science ihre Mütterfreundinnen neidisch machen kann.

Frau Life Science kann es noch gar nicht glauben. Aber sie weiß auch, schon übernächste Woche könnte wieder zwei Wochen zu sein. Ein einziger Fall in der Gruppe reicht, es muss noch nicht einmal zu einer Ansteckung im Kindergarten kommen.

Egal. Jeder Tag mit Kindergarten ist ein guter Tag.

Und nein, sie hat keine Angst vor Ansteckung, egal wie oft in der Stunde das Klo desinfiziert wird. Die sollen viel raus gehen, oft lüften, kein Geschirr teilen, Hände waschen und in kleinen Gruppen bleiben, fertig. Mehr kann man nicht machen. Wer das Restrisiko individuell oder gesundheitlich nicht tragen kann, muss freigestellt bleiben.

Anstelle des ständigen Desinfizierens möchte Frau Life Science, der zur Auszeichnung Weltspitzen-Virologin nur noch der Twitter-Account fehlt, auf diesem Weg noch dringend um folgende Maßnahmen der Pandemieeindämmung bitten:

  1. Zweckmäßige Vorgaben für religiöse Zusammenkünfte:

    Teilnehmerbegrenzung in geschlossenen Räumen
    – vom gemeinschaftlichen Indoor-Singen nicht nur bisschen abraten, sondern es klar verbieten (ist bis jetzt nicht der Fall)
    – die Kontaktdatenpflicht über den Schutz der Religionsfreiheit stellen
    Hygienekonzepte staatlich vorgeben und nicht Baptisten zwingen, sie selbst zu basteln.

2. Sicherstellen, dass Kontaktpersonen, die das Gesundheitsamt ermittelt hat, auch kooperieren. In Göttingen sind nach mündlicher Aufforderung durch das Gesundheitsamt am Pfingstsamstag von 90 Personen nur 15 zum Test erschienen. Die restlichen 75 Kontaktpersonen hatten vermutlich besseres zu tun. Nun wurde ihnen heute, Pfingstmontag, ein schriftlicher Bescheid zugestellt, „der bußgeldbewehrt ist„. Das bisherige Nichtmitwirken der Personen scheint folgenlos.
Aaaaah ja. Ist ja nur Covid-19.

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