Irritationen in A.

In einer thüringischen Kleinstadt namens A. spaziert Familie Life Science auf einem zentralen Platz an einer Beton-Stele vorbei, die ziert auf der einen Seite in Bronze gegossene gestikulierende Hände, auf der anderen ein Gedicht über das Leben im geteilten Deutschland. Einfache Worte, aber sie berühren. Genau wie der Rechtschreibfehler und das deplatzierte Komma, beide beständig in das Denkmal betoniert. (Das sind Erscheinungen, über die sich jemand wie Frau Life Science besser nicht lustig machen sollte.)

Sie hatten auf ihre Autobahnfahrt quer durch Deutschland nicht an einer Raststätte einkehren, sondern lieber an irgendeinem lebendigen Ort Halt machen wollen. Vor dem „Eckhäuschen von A.“, einem urigen Restaurant im Stadtkern, nehmen sie Sitzplätze ein.

„Küche ist zu, nur noch Kuchen“, warnt die Bedienung.
„Aber wir hatten angerufen. Es hieß, wir würden gerade noch bedient, wenn wir gleich vorbeikämen. Wir haben uns extra beeilt. Jetzt sind wir hier.“
„Nein. Keine warmen Speisen.“
„Aber so sagte es Ihre Kollegin am Telefon?!“
„Ich habe keine Kollegin. Und mit MIR haben Sie nicht gesprochen“.
Frau Life Science sieht die Bedienung an, dann das Schild Eckhäuschen von A.. Dann wieder die Bedienung. Erhebliche Dissonanz.
„Das war sicher meine Chefin. Die sitzt da oben…“ Die Angestellte, die nicht die Kollegin von der Chefin ist, zeigt auf ein Fenster im zweiten Stock und winkt ab. Schließlich reicht sie genervt die Speisekarte.

Der Lifescientist sucht die Waschräume auf, während Frau Life Science und das Kind dem nahe gelegenen Schaukelpferd einen Besuch abstatten, ihrem Tisch drehen sie ganz kurz den Rücken zu. Wie doof kann man sein? Im Nu wird der Tisch von einem radfahrenden Ehepaar mittleren Alters in Anspruch genommen. In diesem Moment kommt der Lifescientist zurück. Chaos….! Frau Life Science klärt in aller Hilflosigkeit die Situation: „…Schon bestellt, …nur kurz gespielt …sitzen hier… eigentlich“.
„Lassen Se mal,“ beschwichtigt sie der Radfahrer, „wir wollen nicht streiten. Das tun wir schon den ganzen Tag“.

Die Bedienung kehrt zurück und fragt nach, weil sie sich an zwei von drei Getränkebestellungen nicht erinnern kann.

„Schönes Städtchen ist das“, meint Frau Life Science und sieht sich um, „ein Schmuckkäschtle, würde die alte Deutschlehrerin sagen. Ein bisschen so wie unser Städtchen E.“
„Nein“, entgegnet der Lifescientist, „schöner.“ Seine Stimme klingt hohl, denn es liegt bei all seinem optischen Reiz eine Schwere über diesem Ort. Nur heute? Nur für sie? Immer?

Eine Mutter geht mit zwei Kindern die Straße entlang und kündigt laut an, beide Kindergeburtstage müssten nächsten Monat ausfallen.
„Sicher wegen Corona“, denkt Frau Life Science. Aber es ist wohl eher wegen der Kinder. „Nein, nein!!!! Bitte, Mama!“, betteln sie.

Vor der nahe gelegenen Eisdiele, bei der Familie Life Science so zufällig wie immer vorbeikommt, stehen zwei Frauen mit Hunden. Keinesfalls Jugendliche. Die eine trägt ein T-Shirt, auf dessen Rückseite steht: „Fick dich und verpiss dich“.

Und dann ist es Frau Life Science, der wirklich nichts mehr einfällt.

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