Überstunden am See

Wenn Frau Lehrerin Life Science den ihr zustehenden Freizeitausgleich für die gerade stattgefundene Lehrer-Fortbildung in Anspruch nehmen würde, könnte sie bei ihrem Ameisendeputat gleich mehrere Wochen der Schule fern bleiben, was niemand mehr als als sie selbst bedauern würde. Statt dessen machte sie lieber stillschweigend Überstunden. Im Spätsommer zwei Tage ohne Kind mit Vollpension in geselliger Runde am See zu verbringen, schien ihr indes keine Strafe, sondern sie hätte notfalls auch dafür bezahlt. Insbesondere für die Abwesenheit eines schlechten Gewissens. War ja schließlich ein Pflicht-Seminar.

Eine Freundin erkundigte sich im Vorfeld nach Inhalt und Ziel der Fortbildung, wodurch Frau Life Science nicht nur erkannte, dass sie selbst die Frage in keinster Weise umtrieb, sondern auch, dass die Antwort in den Sternen stand. Seminar bei der Kirche halt, das wird schon recht sein.

Im Nachhinein ist ihr das zentrale Lernziel der zweieinhalb Tage klar geworden: sie wurde in angewandter Ineffektivität fortgebildet. Eine Schlüsselkompetenz, die heute nicht mehr jedem zur Verfügung steht! Wie sieht´s bei Ihnen aus? Haben Sie auch Lernbedarf?

Angewandte Ineffektivität kommt dann zum Vorschein, wenn drei in akademischer und Herzens-Bildung hochqualifizierte ReferentInnen für knapp 20 Leute rund um die Uhr bereitstehen, um zu erfragen oder zu erspüüüren, was man gerade braucht, während man so im Skulpturenpark des Tagungszentrums herumsteht und versucht, einen Kreis zu bilden, der keine Stele beinhaltet. Denn hier ist drinnen, draußen, oben und unten Ausstellungsfläche, auch im Wasser hat man allerlei Gestelle installiert und kein Mauervorsprung, keine Hauswand und keine Nische ist unbestückt.

Während andere Gruppen an diesem Ort Stellagen im großer Fülle produzieren und festschrauben, produzieren die anwesenden LehrerInnen hier gar nichts Sichtbares, nicht einmal Nutzloses, sondern werden zwei Schultage vom Unterricht freigestellt, damit sie sich Bälle zuwerfen, mit Hula-Hoop-Reifen hantieren und biographische Spaziergänge unternehmen können. Ein bisschen Theologie, ein bisschen Religionspädagogik, bisschen Montessori und bisschen Erlebnispädagogik und Körperarbeit und noch ganz viel mehr. Alles irgendwie gemischt.

Macht es Frau Life Science zu einer besseren Lehrerin, wenn sie mit dem Theaterpädagogen aus der Charlottenburger Filiale biographisch spazieren gegangen ist? Sich mit der Erzieherin aus dem Neuköllner Haus mit desinfizierten Händen zwanzigmal einen Ball zugeworfen hat? In messbaren Größen nein. In kirchlicher und pädagogischer Sicht irgendwie doch.

Es darf hier alles etwas kosten. Die Übernachtungspreise in pittoresker Umgebung liegen aus, aber interessieren nicht. Und die Fahrtkostenpauschale für die Reise zum Urlaubsort, Pardon, Tagungszentrum, kann auch noch beim Arbeitgeber eingereicht werden. Da Frau Life Science Bus und Bahn genommen hat, macht sie unterm Strich gar noch Gewinn.
Wie viele Luftfilter-Geräte hätte man für die Gesamtkosten der Veranstaltung für Kost und Logis, Unterrichtsausfall inklusive dem eigens aus Berlin angekarrten luxuriösen Blumengebinde für die gestaltete Mitte und der 20 Zimmersträußchen bestellen können?
Dann wäre die Luft in dem ein oder anderen Klassenzimmer stellenweise gesünder, der Geist des Hauses aber gleich mit herausgefiltert.

Es waren alle sehr nett. Wie könnte man bei Spätsommersonne am See und mit der Kirche auch nicht nett sein. Und doch, die Stimmung wird irgendwann kippelig. Die kritische Meinung einer Teilnehmerin wird am zweiten Tag intensiver diskutiert, und Frau Life Science wäre nicht Frau Life Science, wenn sie nicht auch ihren Senf dazugeben würde. „Das ist doch überhaupt nicht relevant“, antwortet die kritische Kollegin darauf scharf und Frau Life Science fühlt sich plötzlich gar nicht mehr gut, irrelevant fühlt sie sich jetzt, oder fühlte die das vor Stunden schon, als sie merkte, dass das sich selber Präsentieren, aus dem Stand heraus, live und minutenlang, dabei sympathisch und witzig rüberkommen, geistreich und überhaupt, eine Fähigkeit ist, die unter Lehrern weit verbreitet ist, vielleicht sogar ungeschriebene Zugangsbedingung zu diesem Beruf, die andere, die nicht im Sternzeichen Rampensau geboren sind, ganz schön alt aussehen lässt.

Der zweite Abend verläuft ungeselliger. Manch TeilnehmerIn scheint auf einmal zu spüren, was sie gerade braucht: ihre/seine Ruhe. Es herrscht irgendwie Lagerkoller. Zu viele gruppendynamische Spiele den ganzen Tag, zu viel persönlicher Kontakt. Und wo soll man auch zusammensitzen: mit Abstand im Gruppenraum oder etwas lockerer, aber fröstelnd draußen, wo wegen Waldbrandgefahr die Feuerschale kalt bleibt?

Doch am nächsten Tag ist wieder alles ok. Der See liegt spiegelglatt in der Morgensonne, die nutzlosen Skulpturen stehen noch im Schatten und der Vormittag vergeht wie im Flug.
Um die Mittagszeit stopft Frau Life Science die überquellende Mappe mit den Seminarunterlagen in ihre Tasche, macht auf den Refelexionsbogen die Kreuzchen vorwiegend links, schmiert unter Sonstiges „Die Zeitstruktur könnte noch etwas angepasst werden“ darauf und rennt zum Bus (dem einzigen in den nächsten vier Stunden).

Am Wannsee trifft sie den Rest der Familie und überreicht dem Forschernachwuchs den halbwelken Zimmerstrauß. Er versteht sofort.
In in Bälde wird er sich mit ein paar ausgerupften Kräutern aus dem Grünstreifen revanchieren.

2 Gedanken zu “Überstunden am See

  1. Mal wieder wunderschön (selbst-)ironisch und gleichzeitig sensibel erzählt!

    „Das ist doch überhaupt nicht relevant“, antwortet die kritische Kollegin darauf scharf und Frau Life Science fühlt sich plötzlich gar nicht mehr gut, irrelevant fühlt sie sich jetzt, oder fühlte die das vor Stunden schon, als sie merkte, dass das sich selber Präsentieren, aus dem Stand heraus, live und minutenlang, dabei sympathisch und witzig rüberkommen, geistreich und überhaupt, eine Fähigkeit ist, die unter Lehrern weit verbreitet ist, vielleicht sogar ungeschriebene Zugangsbedingung zu diesem Beruf, die andere, die nicht im Sternzeichen Rampensau geboren sind, ganz schön alt aussehen lässt.“
    Ein Supersatz

    Gefällt 1 Person

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