Die Krankheit ohne Namen

Eine beschissene Zeit liegt hinter Familie Life Science. Das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen. Und wenn der Berliner Senat neuerdings in Plakatkampagnen den Bürgern den Stinkefinger zeigt, muss hier auch nicht weiter auf die Wortwahl geachtet werden. Es geht aber gar nicht um Viren.

Beim Forschernachwuchs ging was in die Hose. Fünf Monate lang, und zwar „Number two“, also das mit der olfaktorischen Note. Fünf Monate lang wohnte ein Kind im Haushalt, das eine Windel benötigte, aber natürlich keine nahm. Man war ja schließlich 4. Auch Trainingshosem mit Spiderman-Aufdruck kamen nicht in Frage.

Die Kinderärztin verordnete Wärmflasche und Kräutertee, ehe sie sich mitsamt der kompletten Gemeinschaftspraxis in einen fünfwöchigen Sommerurlaub verabschiedete.

Aber Wärmflasche und Co halfen nicht. Die konsultierten Vertretungsärzte schätzten die Situation unterschiedlich ein, eine erkannte sofort: gestörtes Verhalten des Kindes wegen noch gestörterem Verhalten der Mutter. Besten Dank auch, für die schnelle Hilfe in der Akutsituation!

Bei Kinderärzten, die Freunde als einfühlsam und kompetent wärmstens empfahlen, bekam man als Neuzugang keinen Termin, denn die Damen und Herren waren so gut, dass sie voll ausgelastet waren, andere gingen gar nicht erst ans Telefon. Die hilflosen Eltern behalfen sich im Bekanntenkreis mit telefonischen Fernsprechstunden und beschafften sich zudem eine Überweisung in die Kinder-Gastroenterologie.

In der Zwischenzeit beäugten die Erzieherin die Familie oder es fühlte sich so an. Diese Blicke beim Abholen und Hinbringen, und warum sagt das Kind denn schon wieder nicht richtig „Tschüss“? Da muss doch psychosozial irgendwas sein bei denen und wie geht die überhaupt mit ihrem Kind um? Sind die nicht schon immer irgendwie komisch gewesen?

Familie Life Science hatte nun alles, was zu einer zünftigen Krankheit gehört: Scham, Angst, fehlende soziale Teilhabe. Hilflosigkeit. Stigmatisierung. Nur einen Namen für das hatten sie nicht*. Dafür den immer gleichen Geruch in der Nase. Er kroch aus dem Autokindersitzbezug, aus Kleidern und aus zugebundenen Mülltüten, die in der Kita an der Garderobe hingen. Frau Life Science konnte es sogar riechen, wenn da gar nichts war.

Es war der Wurm drin. Auch das bitte wörtlich nehmen! Irgendwann fanden sie nämlich zuhause Madenwürmer im Stuhlgang des Kindes (Nicht erschrecken, so etwas kriegen Kinder halt). Der Lifescientist machte sich die Mühe, das heimische Badezimmer spontan in ein S2-Labor zu verwanden, extrahierte einen winzigen Parasiten, wusch ihn aus und packte ihn in ein Schraubglas zwecks – ja, zwecks was eigentlich? Anschauen wollte es jedenfalls niemand. Einzig der Forschernachwuchs wünschte sich, das Würmchen als Haustier (sic!) behalten zu dürfen, ungeachtet der Tatsache, dass es gar nicht mehr lebte.

Die Kinderärztin, inzwischen aus dem Langzeit- Urlaub aufgetaucht, verschrieb ohne Sichtung des mühsam gewonnenen Beweismaterials ein Medikament und blieb dabei so ungerührt wie beim Aufschreiben einer Bebanthensalbe. Verwurmte Kinder sieht sie jede Woche.

Die Wurmkur („schmeckt nach rostigen Erdnüssen“ war der O-Ton des kleinen Patienten) lies zwar die Biester zügig verschwinden, brachte aber keinerlei Besserung hinsichtlich des eigentlichen Problems. Wäre auch zu einfach gewesen.

In Frau Life Science wuchs das Einfühlungsvermögen für alle Mütter mit Sorgenkindern. Ihr Kind haut andere? Vollstes Mitgefühl (für das hauende Kind). Ein Kind in der zweiten Klasse schreibt zwei von drei Wörtern grundverkehrt ab? Hundertprozentiges Verständnis! Es gab nichts, was die verzogensten aller Kinder machten, was Frau Life Science nicht hätte verstehen könnten.

Ach, und dann war ja da noch die Klinik. Soll Frau Life Science das auch noch alles berichten, was sie in den Fluren, wo Kinder mit Krankheiten, die einen Namen haben, und die man noch weniger erleiden möchte, in ihren Betten über die Flure geschoben wurden? Von der ratlosen Ärztin? Wie der Forschernachwuchs das Behandlungszimmer zusammenschrie, weil er keine Spritze in seinem Arm haben wollte? Vom Kratzer in der Stoßstange des Autos, geholt im vollgepackten Parkhaus? Von der vierwöchigen Wartezeit zwischen den Klinik-Terminen, in der genau NICHTS Diagnostisches oder Therapeutisches geschah? Eine Zeit, die – raten Sie mal, wie war? Genau: besch…! Weitere vier Wochen Exkremente aus Kleidern kratzen, Waschmaschine im Dauerbetrieb und private Treffen ausschließlich mit verständnisvollen Menschen planen. Weitere vier Wochen geduckt in der Kita erscheinen. Und nicht wissen, warum das alles, und ob es je enden würde.

Beim zweiten Kliniktermin legte das medizinische Personal eine „Drache Kokosnuss“-CD in die Geschenkekiste, rechtzeitig bevor der schwere Fall namens Forschernachwuchs zum Blutabnehmen eintraf. Gemeinsam mit einem Betäubungspflaster in der Armbeuge und gutem Zureden machte es die Blutabnahme schließlich möglich.

Aber da flutschte es wieder. Nichts mehr ging daneben. Erst ein Tag, dann mal zwei Tage hintereinander, dann mehrere Tage am Stück. Die alte Unbeschwertheit war wieder da. Kein ängstlicher Blick an die Kita-Garderobe, was da wieder für eine Tüte hing. Kein Schnüffeln, kein Nachsehen im Hosenbund, kein doppelter Satz Wechselkleidung beim Sonntagsausflug. Kein bunte Sticker kleben ins karierte Büchlein.

Und was war das alles jetzt? Psychisch oder physisch bedingt? Oder beides? Und was von den ganzen Maßnahmen, die gar nicht alle hier aufgeführt sind, hat letztendlich geholfen? Wenn man das nur wüsste! Frau Life Science weiß nur, sie spürt es, noch bevor die Kita-Erzieherinnen es ihr glauben wollen: dass es vorbei ist.

„Warum funktioniert es auf einmal wieder, Forschernachwuchs?
„Wegen der Spritze. Die Spritze hat geholfen.“

Hätte man drauf kommen können. Blut abnehmen ist der erste Schritt zur Besserung und hat bestimmt schon viele Menschen geheilt. Ein Aderlass quasi.

*Der Mediziner spricht von Enkopresis, die ganz unterschiedliche Ursachen und Erscheinungsformen haben kann.

2 Gedanken zu “Die Krankheit ohne Namen

  1. Mein Mitgefühl – und Mitfreude, dass die besch… Zeiten im Hause LifeScience nun offenbar zuende sind!🙂 Finde deine Offenheit bei diesem sonst eher „unerhörten“ Thema tatsächlich hilfreich und vielleicht hat sich euer Großer so einfach auch nochmal das „Kleinsein“ zurückgeholt, quasi auf der „Zielgerade“ als Vorschulkind etc.? So oder so alles Gute euch!🙂 Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Danke!
      Ja, so etwas wie das von dir Beschriebene muss es gewesen sein oder wesentlich hineingespielt haben.
      Wenn’s an die Tiefenprozesse in den Kindern geht, finde ich das ganz schwierig, die im Alltag und unter Handlungsdruck richtig zu adressieren. Umso stolzer bin ich jetzt auf dieses Kind und seine eigenen Entwicklungskräfte.

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