Pandemie ist, wenn…

So manchen aufschlussreichen Link würde man an dieser Stelle gerne teilen, aber bis man soweit kommt, ist der informative Effekt schon wieder überholt und so irrelevant wie die Zeitung von übervorgestern.
Pandemie ist, wenn man nicht mehr hinterher kommt.

SPD Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach veröffentlicht auf Twitter (und überall sonst) seit Wochen betrachtenswerte Gedanken und Vorschläge und teilt Links zu Fachartikeln und Medienberichten. Beispielsweise warnt er vor Langzeitschäden von Covid-19, die zu den befürchteten schweren/tödlichen Verläufen noch hinzukommen.
Als Antwort erhält er Posts wie: „Die einzige Pandemie ist in deinem Gebiss, Kalle!“ oder „Wer hier an Denkstörungen leidet, bist du – Halt die Klappe, Klabauterbach“ oder „Begeben Sie sich umgehend in eine Psychiatrie“. (Zitate nur „sinngemäß“). (Von konkreten Morddrohungen auf anderen Kanälen, die viele ExpertInnen erhalten, soll hier noch gar nicht die Rede sein.)
Pandemie ist, wenn die Argumente ausgehen.

Alarmismus – Panikmache – Hysterie: Das sind wohl die (Un)Wörter des Jahres 2020.
Pandemie ist, wenn die einen warnen, die anderen vor dem Warnen warnen und man dann nur noch warnen kann, vor dem Warnen zu warnen.

Im Kanton Schwyz hielten Ende September 600 Menschen ein Jodelfestival in einer Mehrzweckhalle ab und werden zu einem der größten Hotspots Europas. Die Hygienemaßnahmen wurden vollständig eingehalten – nur sachgemäß waren sie nicht.
In Bielefeld besucht einer zwei Großhochzeiten an einem Wochenende. Fun Fact: Er hat nicht nur Geschenke dagelassen…
Der Herr war korrekt auf zweierlei Gästelisten erfasst.
Bei einer Sondersendung von Anne Will am vergangenen Sonntag diskutieren die Talk-Gäste über die richtige Corona-Strategie, am Ende der Sendung stehen sie alle auf und tummeln sich in geselliger Entspanntheit auf der Bühne, begleitet vom Schluss-Jingle der Sendung.
Pandemie ist, wenn´s weh tut.

Im Stadtteil-Park halten sie zum Wohlgefallen der Stadtbevölkerung ein paar Ziegen und Schafe sowie Rehe und Hirsche. Den Bürgern von 0-99 Jahren wird ermöglicht, die Tiere mit mitgebrachtem Obst und Gemüse zu füttern. Erlaubt sind laut Schild: Äpfel, Birnen und Karotten. Vor anderem Futter wird strikt abgeraten, da es die Tiere krank mache.
Am Zaun stehen Väter und Mütter mit Brötchentüten und einer angebrochenen Packung Schmelzflocken, der Erdboden ist wie immer gesprenkelt.
„Und diese Gesellschaft hier will eine Pandemie in den Griff kriegen“, jammert Frau Life Science dem Lifescientisten auf der Parkbank voll.
„Diese Erwachsenen müssen nochmal in die Schule, damit sie Schilder lesen lernen“, kommentiert der Forschernachwuchs vor, der mal wieder mitgehört hat.
Pandemie ist, wenn es auf Eigenverantwortung ankommt ankäme.

PLANdemie liest man immer wieder. Fast so oft wie Fake-Pandemie.
Nicht wenige vermuten hinter dem über-tragisch-komischen individuellen und gesellschaftlichen Scheitern ein planvolles Zusammenwirken gleich mehrerer Akteure. Muss man drauf kommen.
Pandemie ist, wenn sie nur manche haben.

Und irgendwie geht trotzdem alles weiter und es gibt Mittagessen.
Pandemie ist, wenn die Sonne trotzdem scheint.

Pandemiegerecht speisen bei der öffentlichen Betriebskantine Ihres Vertrauens

2 Gedanken zu “Pandemie ist, wenn…

  1. Ein sehr, sehr guter Beitrag, meine liebe Frau Life Science! 👏👏👏

    „Pandemie ist, wenn die einen warnen, die anderen vor dem Warnen warnen und man dann nur noch warnen kann, vor dem Warnen zu warnen.“

    Gefällt 2 Personen

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