Milde Gaben

Eine unbekannte Frau aus dem Stadtteil schreibt in einem sozialen Netzwerk, sie habe ihren Kleiderschrank aufgeräumt und sieben große Müllsäcke Textilien aussortiert. Diese wolle sie jetzt spenden. Ob es sich dabei um die Kleidung aus Wintersaison 2019/20 handelt oder ob es die gesammelte Garderobe ihres bisherigen Lebens ist, von der sie sich trennt, ehe sie eine Seniorenresidenz bezieht, bleibt unklar.

Sieben große Müllsäcke Textilgut. Derartige Anfragen liest man öfter. Wo man dieses oder jenes hinspenden könnte, wer sich darüber freuen würde, Leute, die einfach weniger haben. Vielleicht ein Flüchtlingsheim? Oder ein Obdachlosenprojekt? Diese Art Posts sind oft nicht ohne ein gewisses Maß an Selbstdarstellung, wie bewusst man doch lebt und welche Gedanken man sich über andere macht.

Es treffen dann zahlreiche Antworten ein: Frag mal hier oder dort, und nein, die nehmen aktuell nichts mehr und die und die haben sowieso geschlossen. Die von der oder dem Postenden vielleicht erhoffte Meldung, diese oder jene benachteiligte Gruppierung warte sehnsüchtig am Zaun einer trostlosen Unterkunft auf beliebige H&M-Damenmode aus 2016 und nehme selbige mit Tränen der Rührung entgegen, bleibt meist aus.

Verehrte Dame, die gefragt hat: Worin befindet sich Ihre Sachspende aktuell? In sieben Müllsäcken? Das ist kein Zufall. Denn die soziale Ungleichheit und die Schäden an unserer Umwelt, die man mit dem Kauf günstiger Textilien über den realistischen Bedarf hinaus bereits gefördert hat, lassen sich nach der unvollendeten Nutzung der Güter nur schwer in eine echte soziale Wohltat verwandeln. Aussortierte Kleidung ist und bleibt größtenteils Zivilisationsmüll, kein Rettungsanker.
Obdachloseninitiativen suchen nämlich eher selten Blusen in Größe 38 mit ausgeleierten Bündchen, sondern Mäntel, feste Schuhe oder Herren-Unterwäsche. Und Asylsuchende nehmen wahrscheinlich nicht gewaltige Risiken und Strapazen einer Flucht auf sich, weil sie dringend ein paar alte T-Shirts von irgendwem benötigen.

Nie fragt jemand in sozialen Netzwerken, wohin man größere Mengen überschüssiges Bargeld, persönliche Freizeit oder Raum in der privaten Wohnung spenden könnte. So weit geht unser aller Nächstenliebe dann meistens doch nicht.

Neue Schuhe kaufen und die alten in die Schloßstraße stellen, ist auch sehr beliebt, zumindest wenn Schuhläden gerade mal offen haben.

3 Gedanken zu “Milde Gaben

  1. In unserer Gruppe vor Ort wird auch immer wieder gefragt, wo man Kleidung hingeben könnte. Aber bitte für einen guten Zweck. Ggf. auch ein Altkleider-Container, aber der darf nicht gewerblich sein. Muss auch dem guten Zweck dienen. Dabei werden diese auch von gewerblichen Anbietern geleert, die ebendeswegen etwas für die Nutzung des Namens mit gutem-Zweck-Hintergrund. Dabei ist Altkleider-Entsorgung einfach nur ein Teil der Abfallentsorgung, evtl. mit Wiederverwertung. Vielleicht könnte sich da ein Geschäftsfeld für Menschen in Not ergeben. „Trage Bluse Gr. 38 mit ausgeleierten Bündchen auf für 5€ in der Woche. Zertifikat über die Wohltat im Preis enthalten.“

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