Aquarium: Exit-Strategien

Während die Eltern Life Science sich schon in einem stillen Einverständnis befanden, eines ihrer Kinder quasi bis zur Mittleren Reife ambulant im Aquarium großzuziehen – einzig die Besuchsregeln störten – trat ein junger Stationsarzt an den Bettplatz des Herzmädchens heran und verkündete völlig unerwartet: Es dürfe entlassen werden. Also praktisch sofort. Als könne man sie sich einfach unter den Arm klemmen. Was machte sie überhaupt noch hier? Die Eltern waren verblüfft und freuten sich.

Der vom Arzt so überzeugend angepriesene Entlasstermin verstrich, ohne dass entscheidende Maßnahmen getroffen worden wären. Lediglich eine Vertreterin für häusliche Überwachungsbildschirme erschien im Aquarium, händigte Frau Life Science einen solchen aus und wies sie in die Handhabung ein. Drei Elektroden auf die Brust des Kindleins pappen, ein rotes Lichtchen ans Händchen binden, Brustkabel und Leuchtkabel mit dem Monitor verbinden, fertig.

Es stellte sich außerdem heraus, dass vor der Entlassung noch eine, nein zwei Eltern-Schulungen für Reanimation erforderlich waren. Jedes Elternteil sollte zweimal hintereinander die identische Schulung erhalten, zwecks Gedächtnisfestigung.

Für den Kurs, den eine Stationsärztin individuell durchführte, wurden die Eheleute Life Science gleichzeitig ins Aquarium geladen und mit entsprechenden Besucherzetteln ausgestattet. Die Ärztin empfahl, an der Klinik-Pforte nicht miteinander, sondern zeitlich versetzt in Erscheinung zu treten, damit keine Schwierigkeiten entstünden. Merken Sie…? Man trifft sich „konspirativ“ um das Wiederbeleben zu erlernen, hälêngå quasi. Aus der Abteilung „Dinge, die Sie nur in der Pandemie erleben können“…

Für elterliche Beatmungskurse an kalten Puppenmodellen wurde aber noch ein anderes Adjektiv quasi erfunden, das heißt „beklemmend“. Es gibt wirklich schönere Themen, in denen man sich weiterbilden kann. Frau Life Science möchte am liebsten den Kurs schwänzen, aber so schlau ist sie dann auch, hier besser mal gut aufzupassen: Luft ins Kind pusten. Auf den Brustkorb drücken. Zweimal pusten, fünfzehnmal drücken, geht am besten zu zweit, das Ganze im Rhythmus von „Hey, Pippi Langstrumpf…“ – dabei Zählen nicht vergessen! Das kann Frau Life Science ja nicht einmal ohne Stress gleichzeitig hinkriegen – Zählen und innerlich singen! Einer muss zudem den Notruf absetzen. Ist man allein, schreit man, bis einen jemand hört.

Für heute ist Frau Life Science bedient. Sie möchte sich nicht vorstellen, dass das Überleben ihres Kindes irgendwann von ihrer eigenen Geistesgegenwart, oder von einem blinden Zusammenspiel mit ihrem Mann abhängen könnte, beides ist natürlichen Schwankungen unterworfen. Es wird ihr nebenbei auch klar, dass man diese ganze Verantwortung auch keinem jungen Babysitter, keinem minderjährigen Betreuer im Ferienlager und keiner Familie, bei der ein groß gewordenes Herzmädchen mal später übernachten will, übertragen kann, es sei denn, es handelt sich bei dem Personenkreis um Leute mit stahlharten Nerven oder ganz zufällig um medizinisches Fachpersonal.

Das hieß dann wohl 24/7 Bereitschaftsdienst für Life Sciences und wer Frau Life Science kennt, weiß, dass sie in so etwas nicht aufgeht.

Aber der Lifescientist sagt nach dem Kurs, dass er das mit dem Wiederbeleben des Herzmädchens überhaupt nicht kommen sehe. So etwas passe doch überhaupt nicht ins Krankheitsbild! Die Probleme, die beim Herzmädchen auftauchen könnten, würden doch ganz andere sein. Der Kurs sei einfach allgemein Vorschrift für Eltern von Kindern mit Bildschirmen und sicher kein Fehler. Er wäre aber auch nicht der Lifescientist, wenn er sich nicht trotzdem alles genau gemerkt und aufgeschrieben hätte.

Frau Life Science spürt, dass er recht hat. Und damit kann sie an diesem Tag gut leben.

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