Sich aufhalten

Das Kind, das auf little Miss Rainbows ehemaligen Bettplatz am Fenster links eingezogen war, ist auch schon wieder verlegt worden – in ein weniger intensives Aquarium. Verlegen ist überhaupt höchstes Aquariumsprinzip. Nur Entlassen ist noch besser. Sobald ein Baby halbwegs stabil scheint, was immer es auch hat, muss es raus. Heute besser als morgen. Dass die Rainbows hier vier Wochen summen durften, verwundert im Nachhinein fast.

Im neuen Aquarium sind die Besuchsregeln für den anderen Vater „lockerer“, er darf zusätzlich zur Mutter eine Stunde zu Besuch kommen, am gleichen Tag, aber nicht zur gleichen Zeit. Seit das so ist, sitzt der betreffende Vater so halb-legal in der Halle vor den Aufzügen herum und liest in seinem Telefon, während er wartet, bis Mutter und Kind fertig „gebondet“ haben und er auch mal dran kommt. Immerhin hat er hier eine Sitzgelegenheit und muss nicht frieren. Das ist ein Fortschritt.

Zuletzt war er – seit der ersten neuen Besuchsregel – Tag für Tag entweder Besucher seines Kindes oder Fahrer seiner Partnerin, denn die Familie wohnt ungünstig weit weg von der Klinik. War er nicht selbst zum Besuch eingeteilt, hatte er absolut keinen Zutritt auf das gesamte Klinik-Gelände, die Security lässt keinen durch, und stand regelmäßig vor der Herausforderung, die sonst eher nur Obdachlose kennen: sich längere Zeit irgendwo öffentlich aufzuhalten ohne Frostbeulen zu riskieren. Er tat dies im Parkhaus oder fuhr mal zum Einkaufen oder tanken. Wenn sieben Tage die Woche Klinik ist, sind bald alle Lebensmittel eingekauft.

Frau Life Science versucht heute auch, sich erfolgreich aufzuhalten, in der großzügig angelegten Glashalle, wo ein Kaffee-Stand in Gestalt eines Holzfahrrads an bessere Zeiten erinnert. Als hätten Menschen irgendwie Spaß an kulinarischen Genüssen in charmantem Umfeld, womöglich noch in… Gesellschaft! War mal so, ja. Früher, als die Äpfel noch braun wurden.

Jedenfalls gönnt sich Frau Life Science einen Schoko-Minz-Kaffee frisch vom pittoresken Fahrrad, und damit eine zehnminütige Pause vom Aquarium. In einer nicht frequentierten Ecke der Glashalle nippt sie an ihrem Becher, nicht ohne nach jedem Schluck die FFP2-Maske schuldbewusst wieder zurechtzurücken.

Während sie sich selbst dabei beobachtet, fällt ihr der schwäbische Ausdruck hälêngå ein, was so viel wie „heimlich“ und „verstohlen“ meint; und sie muss innerlich lachen darüber, wie hälêngå man inzwischen die eigentlich harmlosesten Dinge der Welt tun muss, z.B. in einer Glashalle am rechtmäßig erworbenen Kaffee nippen. Klar, sie will ja auch niemanden gefährden, am allerwenigsten jemanden in diesem Haus.

Die Pause hat sie heute einfach gebraucht. Im Aquarium kamen sie heute von allen Seiten zu ihr an den Bettplatz. Die Stationsärztin, die von Entlassung träumt und sei sie noch so fern, die Kardiologen, die immer für Überraschungen zu haben sind (nur nicht gerade für gute), die Laktationsberaterin, die Frau Life Science auch noch selbst bestellt hatte, und die Frau vom sozialmedizinischen Dienst.

Sozialmedizin – was war das doch gleich? Wenn nächste Angehörige von Patienten im Parkhaus frieren?

Nicht ganz. Aber wenn Frau Life Science hier und dort und oben links unterschreibt, werden sich nach der Entlassung ihrer Tochter völlig neue und bisher unbeteiligte Personen um das psychosoziale Befinden der Familie kümmern und hilfreiche Ansprechpartner wie zum Beispiel Psychologen vermitteln.

Wenn Frau Life Science außer einem gesunden Herzmädchen einen Wunsch frei hätte, dann wäre es, dass alle Kardiologen Psychologen wären und außerdem deren Zeit hätten. Das wäre dann echte Sozialmedizin.

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