Schwester Lucia

„So sehe ich aus“ sagte Schwester Lucia, während sie sich noch im Treppenhaus die FFP2 überzog. Sie hatte mehrere Taschen und eine Babywaage bei sich, wie eine Hebamme, und betrat das Wohnzimmer. Wegen Rückenschmerzen zog sie zum Sitzen einen Stuhl gegenüber dem Sofa vor. „Erstmal herzlichen Glückwunsch.“

Schwester Lucia ist für die Sozialmedizin zuständig, also fürs Zurechtkommen mit der Medizin, eine Baustelle, die in den letzten Wochen zu kurz kam. Da war die Medizin überall, aber um „sozial“ kümmerte man sich bitteschön selbst. Gut, wenn man Lebenserfahrung hat, gut, wenn man auf so manche Ressourcen zurückgreifen kann, und gut, wenn man schon mal ein Kind erfolgreich ein paar Jahre durchgebracht hat. Andernfalls?

Schwester Lucia war Frau Life Science gleich sympathisch, schon am Telefon, als sie auf das Thema Stillproben zu sprechen kamen. „Stillprobe“ – Das ist, wenn man das Baby vor und nach dem Stillen wiegt und die Differenz den Eltern die Trinkmenge des Kindes verrät. Klingt einfach. Nur funktioniert es nicht. Im normalen Leben müssen Eltern, die sich mit Stillproben rumärgern, sicherstellen, dass ihr Kind genug trinkt. Bei Herzkindern ist es anders: sie dürfen nicht zu viel (!) trinken (zu wenig aber auch nicht).

Das ist genau das, was man als Mutter braucht, wenn das Kind nach fast vier Wochen Intensivstation endlich zuhause ist: dass einem die Stillbeziehung noch durch Double-Bind-Botschaften sabotiert wird: Bitte stillen Sie, es ist das Beste für Ihr Kind, aber kein Gramm zu viel, hören Sie auf die Waage, auch wenn Sie sie vera….. Ach, und unnötig aufregen sollen sich Kardiokinder auch nicht. Hunger ist ein super Grund zum Aufregen.

Schwester Lucia berichtet, dass viele ihrer betreuten Familien die Stillproben einfach sein lassen, weil Sie es nicht schaffen, und es beim nächsten ärztlichen Kontrolltermin keinerlei Beanstandungen diesbezüglich gibt. „Lassen Sie den Quatsch“, heißt das übersetzt, aber so direktiv würde sie es nicht sagen.

Wer so lange im Geschäft ist wie Schwester Lucia, weiß wo der Hase lang läuft. Bei den teils chaotischen Geschichten aus den Kafka Kliniken, die Frau Life Science am Wohnzimmertisch zum Besten gibt, nickt sie wissend. Das ist so, das kennt sie, das ist Alltag. Der Zeitmangel, die Personalknappheit. Da kommen die schrägsten Dinge bei raus. Sie hört das immer wieder. Und kann mit den gesammelten Geschichten noch eins drauf setzen.

Und wegen der Krankheit: Schwester Lucia kann Familie Life Science die Sorge nicht nehmen. Aber sie sieht sie. Nicht zuletzt aus eigener Betroffenheit. Sie hat ein eigenes Herzmädchen und sie weiß, was es heißt, wenn der Motor des Lebens nicht serienmäßig richtig verbaut ist und eine Mama sich nicht allein darum sorgen muss, ob das Kind gut denken, wie andere fühlen oder sich frei bewegen kann, sondern sich des Antriebs des Lebens an sich nicht für immer gewiss sein kann.

Schwester Lucia möchte ihr eigenes Herzmädchen nicht in den Mittelpunkt stellen. Schließlich ist sie wegen des anderen Kindes hier. Aber eines sagt sie zwischen Tür und Angel noch: „Wegen meiner Tochter hadere ich nicht.“

Sie hadert nicht. Das ist etwas, das Frau Life Science von sich nicht behaupten kann. Sie hadert hauptsächlich. Sie erstellt regelrechte Ranglisten, von Krankheiten, die die sie lieber hätte, und nur ALS und ähnliche Schreckgespenster stehen da nicht drauf. Aber so ein bisschen Down Syndrom vielleicht? Warum nicht? Ein Pulmunalstenöschen? Ein Ventrikelseptumdefektlein? Oder einfach ein fehlendes Gliedmaß? Würde man schon schaffen!

Was man sich halt so zusammenreimt, wenn man gerade eine Krankheit bewältigt.

Als Schwester Lucia gegangen ist, spürt Frau Life Science Erleichterung. Der Sorge Raum geben. Das entlastet, obwohl die Last dieselbe bleibt. Mann muss nicht Psychologie studiert haben, um zu wissen, dass das wirkt. Aber das Herzmädchen musste vier Wochen alt werden, ehe das Gesundheitssystem diese Maßnahme vorsah.

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