Wie geht’s dem Herzmädchen?

Das Herzmädchen wurde, seit es auf der Welt ist, mit zahlreichen Geschenken bedacht, nicht zuletzt von der werten Leserschaft. Orange Tulpen, selbstgemalte Bilder, rosa Mützchen, dreierlei Püppchen, ein Bär, eine Giraffe, eine mehrstöckige Windeltorte, Heilwolle, Bilderbücher, Säuglingsgarderobe (man trägt jetzt altrosa und es steht dem Herzmädchen), ein Holzpuzzle, ein selbstgenähtes Schnuffeltuch, ein personalisiertes Kapuzenhandtuch, Haarspangen, Stricksocken, ein Waschbeutel mit aufgesticktem Namen, X Gutscheine für den einschlägigen Baby-Handel und vieles mehr.

Es mangelt dem Kind nicht an Fans und gedanklichen Begleitern. „Wie geht es dem Herzmädchen?“, wollen alle wissen. Wenn Frau Life Science diese Frage gestellt wird, antwortet sie immer „gut“, fügt aber stets ein relativierendes Zeitwort ein: heute, gerade, in letzter Zeit.

Die Person des gesteigerten Interesses hat inzwischen haßelnussfarbene statt schwarzbraune Haare und ist aus der ersten Kleidergröße herausgewachsen. Auch Mützchen, die zuletzt noch zu groß schienen, mussten bereits aussortiert werden. Außenstehende behaupten aber nach wie vor vehement, es sei ein sehr kleines Mädchen.

Stillen nach Bedarf ist angesagt. Von Messen und Wiegen keine Rede mehr. Das Tütchen, das Frau Life Science täglich vom Windeleimer zur Mülltonne trägt, wird schwerer und schwerer. Von der Mama, jedes Gramm.

Herzmädchens Haut unter den Kleidern ist von einem feinen rötlichen Farbgitter überzogen, als habe man es in einem Gemüsenetz transportiert. Das ist die Durchblutung, die dieses Muster zeichnet. Die Zunge ist nach wie vor häufig bläulich. Die Werte, die der Überwachungscomputer anzeigt, sind aber unverändert gut, von den Momenten verrutschter Mess-Sonden einmal abgesehen. Tagsüber ist das Herzmädchen unplugged.

Es bekommt siebenmal am Tag Medikamente aus einer kleinen Spritze in den Mund gedrückt. Begierig schlotzt es den süßen Saft. Hm, lecker! Beta-Blocker!

Mit dem Herzmädchen kann man Pferde stehlen. Also man selber stiehlt Pferde, während es verspricht, so lange nicht aufzuwachen.

„He! Sie hat eine Wachphase“, kräht der Forschernachwuchs durch den Kindergarten und streckt seinen Kopf in die Babyschale. „Eine Wachphase, eine Wachphase!“, ruft er seine Kumpels und möchte mit der süßen Schwester angeben. Andere Eltern könnten denken: „Mit denen stimmt doch wohl was nicht“ und da hätten sie dann auch recht. Jedenfalls schläft es einfach immer noch fast den ganzen Tag.

Nachts schläft es durch, also auch, und zwar im Elternbett. Das hätte der Forschernachwuchs im Säuglingsalter nicht gedurft. Also, durchschlafen schon, aber nicht im Ehebett. Plötzlicher Kindstod und so. Aber das Herzmädchen hat selbst entschieden, wo sein Platz im Leben und im Schlafzimmer ist. Bei ihnen und mittendrin. Keine Widerrede!

Vor dem Schlafengehen, dem Lifescientisten steckt meist ein harter Labortag in den Knochen, blüht es dann immer richtig auf. Jetzt eine Wachphase, und das ausgerechnet dann, wenn der Forschernachwuchs seine Schlafphase hat: Kurz nach Mitternacht! Es grinst breit in seinem Nest aus einer Kissenwurst, verenkt das Mäulchen und macht Laute aus seinem wachsenden Repetoire. Nimmt man Blickkontakt auf, schiesst ihm eine überbordende Freude durch den ganzen Körper. Es rudert mit den Armen. Es dirigiert mit Verve ein imaginäres Symphonie-Orchester im vollbesetzten Haus. Tataaaaaaa!!!Gesichter von Bezugspersonen! Welch ein Glück! Glchhhhhh! Uhwahhh! Hingääääää.

Da sieht man mal, was der Mensch für ein hochsoziales Wesen ist! Wegen des Gesichts eines anderen durchzuckt ihn eine Freude bis in den großen Zeh. (Daher gehören Menschen auch leider nicht dauernd in irgendeine Isolation, aber das ist ein anderes Thema).

Die generelle Umgänglichkeit des Herzmädchens und die überschaubare Zahl seiner Wachphasen ermöglichte Familie Life Science eine Reise durchs Land, um – entgegen aller Regierungsempfehlungen – über Ostern die Familie im Badischen zu besuchen. Ein abgetrennter Wohnbereich und die Verfügbarkeit von Schnell- und Selbsttests, die noch vor zwei Wochen sicherer schienen als gestern (wo der Heilige St. Drosten ex cathedra im Podcast gesprochen hat: dass die längst nicht so hilfreich sind wie gedacht), machten es möglich. Die Autobahn war frei, die Fahrt lief, musste sie auch, denn man konnte außer an Start und Ziel ja nirgends verweilen. Es ging alles gut und sie haben es nicht bereut. (Auch nicht das Nichtwissen um die drei entscheidenden Tage, die die hochgeschätzten Tests eigentlich gar nicht abdecken).

„Die ist ja noch süßer als auf den Fotos“, jubelte die Familie und der kleine Cousin fand gleich einen neuen Spitznamen. Die Oma sagte: „Jetzt muss ich immer lachen, wenn ich ans Herzmädchen denke.“

Zurück in Berlin hat ein neuer Kinderkardiologe die Betreuung des Herzmädchens übernommen. Ganz erstaunlich: Gesprochenes Wort ist bei ihm in der Behandlung inbegriffen. Auch das geschriebene sieht sein Budget routinemäßig vor: Nach jedem Kontrolltermin kommt ein Arztbrief per Post nach Hause.

Aber lesen muss man den eben auch. Selbst wenn es weh tut. Der letzte Brief enthielt die Worte „hochgradig“ in Bezug auf das eine und „pathologisch“ im Hinblick auf das andere, sowie „ohne Aussicht“ hinsichtlich einer Operationsweise. Aber auch die Worte „rosig“ und „vital“.

Schwierigste Befunde bei bestem Allgemeinzustand. Top, die Wette gilt! Da können Eltern nur dagegen halten. Da setzen sie aufs Leben. Darauf , dass es auch morgen noch heißt: „Wie es Herzmädchen geht? – Gut momentan.“

Ein Püppchen für das Herzmädchen

3 Gedanken zu “Wie geht’s dem Herzmädchen?

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