Wenn es menschelt – Weihnachten 2021 in sozialen Netzwerken

Kennen Sie solche Kurs- und Klassenchats mit Leuten, die Sie seit über 20 Jahren kaum einmal sehen? Übers Jahr eher still und vergessen, schwingen sich diese Gruppen spätestens am frühen Heiligabend (woher nehmen die nur die Zeit) eins ums andere Mal zur gegenseitigen Beglückwünschung auf. Ein Chatteilnehmer sendet ein tagesaktuelles Bild von der ganzen Familie an einem exotischen Südseestrand. Darunter steht: „Ich schicke euch Wärme.“

Frau Life Science wurde von Wärme geradezu durchflutet, als sie sah, dass Flugfernreisen, Hotelaufenthalte und dergleichen mehr problemlos möglich sind. Einfach Risikokind zuhause lassen und Omikron als irrelevant für einen selbst betrachten. Das ist doch eh alles Panikmache! Wer wüsste das nicht! Egal, Frau Life Science ist jetzt schon – bevor alle Ebner-Eschenbach-Zitate vollumfänglich zum Besten gegeben wurden – so erfüllt von Wärme und Licht, dass Frau Life Science den Chat verlassen hat.

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Frau Life Science erhält in ihren diversen Chats des Weiteren Bildaufnahmen von Krippenspielen zugesandt. Vereinzelt finden sich Spuren von Infektionsschutz, zum Beispiel gewisse Abstände zwischen den Kindern. Reduzierte Anzahl. Es gibt sie aber auch, die Bilder, die aussehen wie aus der Zeit gefallen: Krippenspiele wie einst 2019. Mit allem. Ist schließlich Weihnachten!

Deutsche Vor- und Grundschüler sind aktuell die infektiöseste Gruppierung, die man sich vorstellen kann (Frau Life Science weiß, wovon sie spricht), und diese wird nun im Namen des Vaters und des Sohnes und vor den Augen aller völlig ungeschützt zusammengeführt unter Null-g-Bedingungen. Die einzige Schutzmaßnahme ist der Verweis auf die regelmäßige Testung in Schule und Kita.

Da fragt sich Frau Life Science, wieso das Kind ihrer Freundin eigentlich seit Tagen zuhause hockt. Und die Freundin auch, mit Impfdurchbruch. Das Kind hatte am internen Krippenspiel in der Kita die „falsche“ Rolle gespielt: die Hirten haben jetzt meist Covid, die anderen Figuren nicht. Trotz regelmäßiger Testung. Bestimmt ein Einzelfall! Bestimmt bleibt‘s auch unter den Kindern und denen macht ein neurotropes, das Endothel und die Organe schädigende Virus ja nichts aus. Weiß man ja! Tatsächlich geht es den Beteiligten gut).

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Im Nachbarschaftsnetzwerk teilt eine Frau diesen Beitrag:

Vereinzelt wird der Beitrag geliked, wahrscheinlich haben diese User irgendeine huldvolle Worthülse erwartet und es gar nicht näher gelesen. Danke ebenso, liebe Nachbarin! Und weiterklicken. Andere Nutzer empfehlen in ihren Kommentaren den Übertritt zum Buddhismus. In diesem Fall vielleicht zurecht.

Frau Life Science ist zwar selbst ein Grinch, jedoch fragt sich ob des „weihnachtlichen“ Beitrags einfach nur: Hä??

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Auf Twitter (wofür Frau Life Science zugegeben eine Schwäche hat) gibt es Twitteure und Twittösen, die sich sehr sicher sind, auf der richtigen Seite zu schreiben. Sie sind beruflich im Gesundheitswesen tätig und durch die Pandemie übermäßig beansprucht. Kein Wunder setzen sich für Infektionsschutz ein. Verständlicherweise schieben sie einen Hass auf Querdenker und Verschwörungserzähler und belegen sie daher mit den Hashtags:

#kannfraulifesciencenichtaussprechen1

und

#kannfraulifesciencenichtaussprechen2.

Aufgrund der unaussprechlichen Wörter werden die genannten Akteure von der Plattform zeitweise gesperrt. Das finden Sie nun ungerecht, sie wollen sie sich nicht unterkriegen lassen und kehren nach der Zwangspause mit noch mehr Followern zurück.

Man wird ja wohl noch Menschen, die man für unsozial oder gefährlich hält, mit sexualisierten Schimpfwörtern seiner Wahl anschreien dürfen! Erst recht zu mehreren! Es geht schließlich um nicht weniger als den gesellschaftlichen Zusammenhalt! Nicht unterkriegen lassen! Wer auf der richtigen Seite steht, der hat ein Recht auf alle erdenklichen Beleidigungen. Meinen sie.

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Und wie kriegt Frau Life Science jetzt die Kurve zu Weihnachten und so? Gar nicht. Macht aber nix! Sie muss hier nichts wünschen und nichts Huldvolles reinkopieren, und sie blickt auch nicht zurück und sie sagt nicht Dankeschön und möglicherweise bleiben Sie trotzdem. Möglicherweise geht überhaupt das Leben einfach weiter, egal welche Zwanghandlungen man zum Jahresende online oder offline durchführt oder nicht. Was meinen Sie?

Ein Gedanke zu “Wenn es menschelt – Weihnachten 2021 in sozialen Netzwerken

  1. Genau, lasst die Kinder hier in der Krippe spielen und wir düsen ab in den Süden zum Tanzen. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Rechnung kommt dann circa 2 Wochen später. Aber is‘ auch nicht schlimm, zahlen ja alle mit.

    Lasst es krachen 😉

    Gefällt 1 Person

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