Rechts vor links

23. Dezember. Auf neun Uhr fuhr Frau Life Science mit dem Baby zur Kinderärztin. Sie war sogar pünktlich, obwohl sie die BSR vor sich hatte, die im Wohngebiet gelbe Säcke einsammelte – soweit das möglich war. Die Anwohnerschaft hatte durch gewissenhaftes Parken im Kreuzungsbereich jegliches Ausscheren von Fahrzeugen, die länger als ein PKW waren, unmöglich gemacht. Abbiegen wäre nur Gummilastern möglich, das Müllauto konnte lediglich vorwärts in die Straße und rückwärts wieder hinausfahren. Ein Müllmann stieg langsam aus, dirigierte in unendlicher Gelassenheit das Ensemble der beteiligten Fahrzeuge an ihr jeweiliges Ziel: Frau Life Science hatte in die private Einfahrt zu stoßen, das andere Auto die Straße ganz zu verlassen, Frau Life Science durfte wieder raus aus der Einfahrt, der Mülllaster zurück und so weiter.

Dabei beobachtete Frau Life Science, dass die Mülltonnen des einen Nachbarn frisch geleert beim nächsten abgestellt wurden im Tausch gegen volle usw. Das war ihr neu: Man hatte als Bürger also Woche für Woche eine andere Mülltonne für Plastik bzw. die vom Nachbarn, und vom Nachbarn des Nachbarn, ganz so wie bei diesen lustigen Schreibspielen. “Das muss ich nachher gleich dem großem Kind erzählen, Müllautogeschichten gehen immer”, dachte sich Frau Life Science, aber sie erzählte dem Kind später ganz andere Dinge und überhaupt erst sehr viel später irgendwas.

Und das kam so:

Der Arzttermin war keine große Sache, aber wichtig. Und weil es 23. Dezember war, fuhr Frau Life Science noch schnell zum Blumenladen zwecks Geschenken für die Praxisangestellten. Zwar macht sie bei solchen Schenk-Olympiaden eigentlich gar nicht mit, jedoch war da noch eine Rechnung offen. Als Inhaberin eines chronisch kranken Kindes gerät man nämlich schneller als einem lieb ist in eine Kategorie, die keiner mag: Überspannte Mutter nervt herum und wünscht Vorzugsbehandlung.

Frau Life Science streckte den Helferinnen also die Gaben herein, diese guckten ganz wirr ob des Wiedersehens, freuten sich aber wirklich. Auf ein Neues, dachte Frau Life Science im Stillen, ein Neues 2022 ohne Nerverei, versprochen! Und: ich sehe euch, ich sehe eure Überlastung vor, mit und an und zu Corona und ich weiß von euren Tränen”. (Sie wusste das von der Ärztin). Sagen wollte sie aber nur: “Kommt von Herzen”, und zischte ab.

Dann packte sie zum x-ten Mal an dem Tag das Baby in den Sitz, freute sich, dass das Müllauto nicht mehr herumgurkte, überhaupt nichts mehr los war hier und sie fuhr los. Da vorne links und nochmal links, ups, sie hatte ja gar keine Vorfahrt, rechts vor links im Wohngebiet!

Preisfrage: was macht ein Berliner, wenn er Vorfahrt hat, aber ein Hindernis sich auftut? Na was wohl? Draufhalten.

So ist das. Es kam schon vor, dass Frau Life Science es nicht schnell genug geschafft hat, vor der nächsten Ampelphase eine bereits befahrene Kreuzung zu räumen, in einem solchen Fall fuhren schon Mitbürger im Bogen um Sie herum nur, um zu ihrem Recht zu kommen, egal, ob sie dann noch länger den Verkehr blockierte oder zu Gefahr wurde. Recht ist Recht.

Aber hier war keine Ampel hier war nüscht, nicht einmal mehr eine zugeparkte Kreuzung. Und so sah Frau Life Science, dass ein Auto auf sie zukam und sie hatte Zeit zu erkennen, dass sie hätte unbedingt angehalten gehabt haben sollen, sie hatte aber auch Zeit zu erkennen, dass da ein Auto anrollte, überhaupt nicht schnell, aber (fast) ohne erkennbaren Bremsvorgang.

Sie war schon fast fertig mit Abbiegen, als die beiden Fahrzeuge zusammenstießen. Sehr dumpf, aber sehr mild und ohne jedes Durchschütteln.

Ihr war sofort alles klar. Keiner verletzt, Sachschaden. Geld/viel – Zeit/lang – Scherereien/immens – Immobilität/über Wochen.

Sie holte das Baby aus dem Auto und schnallte es sich um. Es weinte auch nicht mehr als sonst, wurde sofort still.

Typ mit Vorfahrt unsympathisch. Frau Life Science konfrontierte ihn sofort mit ihrer Beobachtung: „Ja! Es ist rechts vor links, aber SIE haben nicht gebremst. SIE haben es drauf ankommen lassen.“

Anruf bei der Polizei. Diese ließ nicht weniger als eine Stunde auf sich warten. Bei Eiseskälte. Zwischendurch rief Frau Life Science noch zweimal an und bat um schnellere Hilfe wegen ihres Babys. Wegen ihres behindertem Babys, wegen ihres herzkrankem Babys, wegen ihres behinderten, herzkranken Babys, das sich nicht erkälten soll.

Da war sie ja wieder, die Kategorie nervige Mutter, die Sonderbehandlung wünscht.

„Setzen Sie sich doch ins Auto“, schlug der Polizist am Telefon vor. Das Auto war nicht mehr startbar und somit auch ohne Heizung. Er wies darauf hin, dass Berlin eine Stadt mit über 300 Millionen Bürgern sei und er schien irgendwie darauf hinauszuwollen, dass all diese sich einen Streifenwagen teilen mussten. Wie wird das erst bei Omikron?

Der Unfallgegner verzog sich kurz in sein nahegelegenen Wohnhaus. Wollte seiner Freundin Bescheid sagen, hoffentlich ging er mit ihr persönlich achtsamer um als mit ihrem Fahrzeug.

Dann kamen die Spaziergänger. Ältere Ehepaare, Mütter mit Kinderwagen. Herren, die stehen blieben und starrten. Weitergingen, sich umdrehten und noch einmal starrten. Fragen zum Unfallhergang. Thematisierung der Schuldfrage. Die völlige Klarheit der Schuldfrage, und auch das noch, vor Weihnachten. Und es ist ja auch sehr kalt heute. Und das Baby. Ob jemand verletzt ist.

Auch: „Brauchen Sie Hilfe? Heiße Getränke oder so?“

Was sagt man denn da? „Ich hätte gerne einen Cappuccino?“

Wenn‘s mal bei Ihnen vorm Haus kracht, hätte Frau Life Science da einen Tipp: Einfach hinstellen. Irgendwas. Cappuccino oder Mate-Tee, völlig wurscht. Und ganz wichtig: so wenig wie möglich sprechen.

Paketdienste und Anwohnerfahrzeuge umkreistem die Unfallstelle. Der Unfallgegner hatte sein Fahrzeug bereits entfernt. Unter Einbeziehung des Gehwegs und wenn sie die Wickeltasche wegstellte, konnte man rechts oder links Frau Life Sciences Auto umfahren. Bella von UPS, sie hatte ein Blechschild in der Frontscheibe, fragte, ob Hilfe schon käme. Winkte ab, und deichselte ihren Laster um das havarierte Fahrzeug.

Auch die Jungs von der BSR kamen nun aus einer anderen Ecke. Waren die immer noch im Dienst. Mit derselben Gelassenheit von 9:00 Uhr kamen auch sie am Unfallfahrzeug vorbei, Millimeterarbeit, „Nein, das Verkehrschild müssen wir nicht aushängen“, meinte der Arbeiter.

Ein weiterer Anwohner trat heran, betrachtete den Schaden von allen Seiten. Begann einmal mehr mit den bundesdeutschen Musterfragen. Da platzte Frau Life Science der Kragen. „Ja, ICH bin gefahren, ja der ANDERE hatte Vorfahrt, er parkt hier DRÜBEN, das Auto springt nicht an, darum steht es noch HIER, die Polizei kommt. Und ICH beantworte hier seit fast einer Stunde Fragen der Bevölkerung. Möchten Sie sonst noch etwas wissen?”

Es war der Anwohner, in dessen mit Teppichboden ausgelegten Wohnzimmer sie später Tee mit Honig trank, dessen Stollen sie aß, dessen Klassikradio sie hörte und dessen Schokoladentäfelchen das Kind schlotzte, obwohl es nicht soll, aber eine Mama, die nicht Autofahren kann, darf dem Kind auch gleich Schokolade geben. Es war auch der Anwohner, der sie mit seinem Mercedes nach Hause fuhr, als das Unfallauto endlich abtransportiert worden war, aber nur, um das Kind abzugeben und dann zur Werkstatt weiter zu fahren und dann wieder nach Hause. Und das in der Corona-Zeit.

„Wenn ich wieder beim Kinderarzt bin, bringe ich Ihnen mal etwas vorbei, Herr L.“, versprach Frau Life Science.

Zum Kinderarzt muss sie ja dauernd, und einen guten Blumenladen wüsste sie da, nur nicht, wie ohne Auto hinkommen.

2 Gedanken zu “Rechts vor links

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