Schöne Andacht!

Schon seit Schuljahresanfang stand fest: Wie die Kolleg:innen auch sollte Frau Life Science mit ihrem Ameisenhaufen von 27 Reli-Erstklässlern eine Schul-Andacht planen und durchführen. Was für ein Riesenstress . Macht sie ja gerne.

Sie war früh dran. Erstmal irgendwas was aus den Fingern saugen: Ein Thema, ein paar Aktivitäten. Nicht zu anspruchsvoll, aber mit Tiefgang.

Immer schön: etwas zum Anfassen. Als Mitgebsel sollte jede teilnehmende Klasse eine lebenden Sonnenblumensprössling überreicht bekommen, eigenhändig herangezogen von Frau Life Sciences Klasse. Frau Life Science hatte sich zurechtgelegt, dass es Riesensonnenblumen sein sollten, am besten größer als die Kinder werdend, das passte ideal zum Thema der Andacht, das Gleichnis vom Senfkorn – etwas Kleines wird ganz groß. Die entsprechenden Samen sollten dann in einem von den Kindern handbemalten Tontopf heranwachsen, auch die Blütezeit müsste man selbstverständlich im Auge behalten, die Sorte Sonnenblumen sollte nicht gerade im August blühen, in den Ferien würden es die Kinder ja gar nicht genießen können.

Also der Plan für diesen Teil der Andacht stand, die Eigenschaften der auszuwählenden Sonnenblumensaat lag fest und eine kurze Rücksprache mit der gartenbegeisterten Babysitterin vom Herzmädchen ergab: die gewünschte Sorte Sonnenblumen musste erst noch gezüchtet werden. Entweder großwachsend oder topflebend, beides ginge nicht, und mit der Blütezeit sei das auch so eine Sache.

Ach so.

Frau Life Science passte also ihre blühende Fantasie an die gartenbauliche Realität an und lies von den 27 Kindern (fragen Sie nicht!) die Topfblumensaat auf den Boden der Tatsachen aussähen. Zehnmal so viel Samen wie am Ende Pflanzen benötigt wurden, man wusste ja nie… Sie stellte die Pötte im Klassenzimmer auf und vergab Gießämter und Amtsvertreter. Sie selber war viel zu selten an der Schule. Auch am Wochenende wollte ein Kind wässern. Frau Life Science beabsichtigte heimlich abends kontrollieren zu kommen, für den Fall, dass das Kind es vergesse.

„Du musst deine Schüler schon ernst nehmen“, sagte der Lifescientist und plädierte dafür, dass Frau Life Science samstagabends nicht mehr zur Schule radeln sollte. Manchmal hat der Lifescientist einfach recht, pädagogisch gesehen, botanisch war es die falsche Strategie – waren doch die Töpfe am nächsten Montag staubtrocken. Der Gießdienst, sein Vertreter und die Wochenenbeauftragte hatten es gleichermaßen vergessen.

Wie durch ein Wunder – oder weil es in der Natur auch nicht pünktlich regnet – trieben die Samen trotzdem aus. Für die Osterferien wollte Frau Life Science die von Trockenheit bedrohten Sprösslinge in häusliche Obhut nehmen. Sie fragte vorher eine Kollegin, ob man auch wirklich keinen Alarm auslöse, wenn man außerhalb Schulzeit im Gebäude herumschleiche. Das könne sie mit Sicherheit sagen, behauptete die junge und engagierte Lehrerin, es gäbe keinen Tag und keine Uhrzeit, die einen Alarm auslöse, das wisse sie aus eigener Erfahrung.

Dennoch fühlte sich Frau Life Science an diesem Samstagabend vor Ostern irgendwie unwohl in der leeren Schule, und steckte beim Rausgehen lieber mal den Schlüssel ins Schloss, anstatt einfach die Brandschutztür aufzudrücken. Mit dem Tablett Sonnenblumen unterm Arm schwang sie sich vorsichtig aus der Tür, diese fiel sanft ins Schloss und der Schlüssel steckte noch – von innen. Heidewitzka! Der Schulschlüssel, der Autoschlüssel. Alles. Sicher aufbewahrt in der verschlossenen Schule, aber auch für Frau Life Science nun unerreichbar. Wie nach Hause kommen? Bus? Was tun mit den Pflänzchen? Welche Kollegen wohnten der Nähe und konnte man spätabends behelligen?

Da fiel ihr ein: der Hausmeister. Er wohnte auf dem Gelände. Das Oberlicht in der Dienstwohnung war hell erleuchtet. Die Ehefrau des Gesuchten ließ sich vom Fernsehabend rausklingeln. Hausanzug. Ihr Mann sei nicht da, ob er wohl die Schlüssel mitgenommen habe? Ach nein, da sind sie ja. Rettung.

Die auf diese Weise ins Private überführten Sonnenblumenpflanzen krebsten nun im Hause Life Science vor sich hin. Frau Life Science stellte sich auch nicht besser an als ihre Erstklässler, die noch im Begriff waren, Verantwortung für etwas Lebendiges überhaupt zu lernen. Zu trocken, zu nass. Dann wuchsen Pilze. Die hatte sie gar nicht angepflanzt? Blätter wurden gelb. Warum war das so schwierig und wie im alles in der Welt konnte so etwas wie ein Acker voller Sonnenblumen überhaupt real existieren ?

Kriegte sie nicht einmal ein paar Blumen zuhause großgezogen? Die anderen Bereiche der Vorbereitung liefen übrigens auch nicht viel reibungsloser.

Die Kollegin hatte in der zuletzt stattgefundenen Andacht in dieser Klassenstufe die Latte hoch gehängt mit einem selbst verfassten Theaterstück von mehreren Akten inklusive liebevoll gebastelter Requisiten. Genau genommen war es ja gar keine Andacht, was da präsentiert worden war, aber es war die beste keine Andacht, die Frau Life Science je gesehen hatte. In dieser Liga konnte sie mit ihrem Deputat und ihrer Lebenssituation (24/7 häusliche U3-Betreuung) nicht mitspielen.

Apropos keine Andacht. Die liturgischen Formen – für manche sind sie eine lästige Pflicht. Ach, das muss ja so… Ist das nicht verkrustet und althergebracht? Frau Life Science kann da nur sagen: stimmt genau! Althergebracht. Und genau darum funktioniert’s ja auch.

Beispiel sogenanntes Votum: „Wir beginnen die Andacht im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes“. Nein, hier hat nicht Frau Life Science ihren Auftritt als beste Relitante aller Zeiten (Hahaha), nein hier muss nicht die 3a oder die 5b ihren Text perfekt können, hier dürfen sich alle mal selber zurücknehmen; und alle – und das heißt alle, sind hier quasi selber Gast – in ihrer eigenen Aufführung. Das mag Frau Life Science an solchen Dingen: Die gesunde Demut im Angesicht dessen, was höher ist als alle Vernunft.

Und dann war da noch diese Episode beim Blumentöpfe bemalen. Die Tontöpfe, in die die vorgezogenen Blumen letztendlich einziehen sollten. Wegen ADHS (bei der Lehrperson) wurden keine Malerkittel getragen. Und ein Junge hatte einen fetten Fleck rote Tempera auf dem Pulli. Ob das Frau Life Science irgendwelchen Ärger geben würde? Nicht ganz unverdient wäre es wohl… Frau Life Science war nicht wenig beunruhigt, hörte aber nichts von der Familie und eines Tages trug der Schüler besagten Pulli und der Fleck war nur noch ein blasser Schatten. Uff. Kompliment an die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten der Eltern. Ihren eigenen schwarz-weiß-gestreiften Jute-Beutel hatte Frau Life Science nach der Malaktion entsorgen müssen. Trotz Kochwäsche.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Frau Life Science mit dieser ihrer Andacht unversehens zur Vorsitzenden eines möglichen Superspreading-Ereignisses geworden war. Wie das geschehen konnte?

Bei der Terminvergabe letzten Herbst waren noch digitale Veranstaltungen in Betrieb, viele Monate später wurden sie dann in reduzierte Präsenzveranstaltungen überführt, kurz darauf in volle Präsenz umgewandelt, dafür – entsprechend der Senatsvorgabe – ohne Masken durchgeführt. Acht Klassen in einem Raum und mit Singen. Unsere tägliche Virenlast gib uns heute.

An dem Punkt war Frau Life Science nun Mitte Mai angekommen, sie war arbeitsmedizinisch über den Tisch gezogen worden, ohne dass es irgendwie vorher absehbar oder sozial verträglich beeinflussbar gewesen wäre. Ach, und die Eltern wären gerne auch alle noch gekommen. Interessehalber.

Nach einer chaotischen Generalprobe, einer zusätzlich anberaumten weiteren Generalprobe an Frau Life Sciences sogenanntem freien Tag (als hätte Frau Life Science in diesem Schuljahr schon je einem freien Tag gehabt), nach Blut, Schweiß und Tränen, harscher Kritik einer Kollegin und nach Familienkrach, der bei so etwas niemals fehlen darf, klappte am Tag der Veranstaltung vieles zum ersten Mal und manches auch einfach nicht. So.

Es steckte so vieles in diesem Projekt; ein bisschen Charme und ganz viel Chaos, eine Geige, eine Harfe mit gerissener Saite, eine Cajon und ein Flügel, doppelt gebastelte Requisiten, eine dreistellige Zahl umsonst kopierter Liedblätter, selbstverständlich auf private Kosten getätigte Baumarkt-Einkäufe, Muskelkraft zum Schleppen der gefüllten großen Tontöpfe über das ganze Schulgelände, aber vor allem Frau Life Sciences Persönlichkeit in vollem Umfang, ihr ganzes Können und ihr ganzes Unvermögen. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.

Da möchte Frau Life Science noch über Feedback-Kultur schreiben. Hier und da hatte man ihr im Vorbeigehen schon „schöne Andacht“ zugerufen. Alles klar! Muss man ja irgendwie sagen. How are you today?

Nach getaner Arbeit setze sie sich an einen Tisch im Lehrer-Hof, wo gerade eine Kollegin einen Klassensatz Hefte korrigierte. Die könnte sich auch mal entschuldigen, dass sie mit ihrer ganzen Klasse vorhin viel zu spät hereingeplatzt war, gehts noch?, dachte sich Frau Life Science im Stillen. Und tatsächlich richtete die Kollegin das Wort an sie: „Das war eine total schöne Andacht mit vielen kindgerechten Ideen, einfach, aber mit viel Gehalt und so von Herzen kommend.“

Die Kollegin mag zwar zu spät gekommen sein, aber sie hatte das Dargebotene mit offenen und wohlwollenden Augen betrachtet und die ihr positiv erschienenen Dinge konkret benannt.

Da beginnt Team.

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